Wetter

Phänologie, der natürliche Klimamesswert

von Holger Westermann

Mit dem Vorfrühling, wie wir ihn gerade in Gärten, Parks und Landschaften beobachten können, beginnt das phänologische Jahr. Die Phänologie (eigentlich Phänomenologie, aber dieser Begriff ist bereits durch eine Richtung der Philosophie belegt) beschäftigt sich mit den Wachstums- und Entwicklungsstufen von Pflanzen und den Verhaltensänderungen von Tieren im Jahresverlauf sowie den Zusammenhängen mit den Witterungs- und Klimaverhältnissen.

Im Bereich der Meteorologie werden hauptsächlich Pflanzen beobachtet, man konzentriert sich zumeist auf Zeigerpflanzen, auf die man sich zuvor verständigt hat. Darunter sind Wildpflanzen ebenso vertreten wie Nutz- und Zierpflanzen. So wird notiert, wann bei Schneeglöckchen, Süßkirsche und Forsythie die Blüte einsetzt und endet, wann die ersten Früchte reifen und ab wann im Herbst das Laub abfällt.

Dass Pflanzen besonders sensibel auf das Wetter reagieren, weiß jeder aufmerksame Naturbeobachter, Landwirt oder Gartenbesitzer. Ein phänologischer Kalender ist also in erster Linie ein Wetter und Klima Kalender. Wenn die ersten Schneeglöckchen oder auch die Hasel blühen, bezeichnet man das in der Phänologie als Zeichen des Vorfrühlings. Das kann in Deutschland schon mal Anfang Februar beobachtet werden, in einem anderen Jahr aber erst Mitte März. Der Hochsommer beginnt mit der Blüte der Sommer-Linde und der Herbst kündigt sich mit den Früchten des Schwarzen Holunders an.

Man erhält auf diese Weise einen ziemlich guten Überblick über die klimatischen Verhältnisse der jeweiligen Region. Ein Vergleich mit den Mittelwerten der langjährigen Beobachtungen erlaubt eine Einschätzung, ob das aktuelle Jahr ein besonders frühes oder ein eher spät beginnendes ist. Verfolgt man den langjährigen Trend Jahr um Jahr, so kann man durchaus auch Anhaltspunkte für einen Klimawandel erkennen. So hat sich der Beginn der Kirschblüte an der Forschungsanstalt für Wein- und Gartenbau in Geisenheim vom 15.04. (1951) auf den 05.04. (2001), in einem halben Jahrhundert um zehn Tage nach vorn verschoben. Und folgt man den aktuellen Beobachtungen, so scheint der Trend ungebrochen.

Natürlich kann der phänologische Kalender auch sehr gut eingesetzt werden, um die klimatischen Bedingungen an zwei Orten miteinander zu vergleichen. So wird es im Südwesten Deutschlands eher Frühling als im Nordosten und in den Tälern blüht es früher als auf den Bergen. Es gibt aber auch Orte, in denen der Frühling schneller kommt, wo das Thermometer innerhalb weniger Tage von Winterkälte auf Frühlingswärme klettert, andernorts verläuft dieser Anstieg gemächlicher. Für wetterempfindliche Menschen kann sich daher der Blick in den phänologischen Kalender lohnen. Blutdruckpatienten, Menschen mit zu hohem Blutdruck genauso wie Menschen mit zu niedrigem Blutdruck, leiden unter schnellem Temperaturanstieg. Auch für viele Menschen, die unter Migräne leiden, weckt ein sprunghafter Frühlingsbeginn keine angenehmen Gefühle.

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Der Frühling ist ein Wandersmann


Umfangreiche Information zum Thema Phänologie
Phänologie. promet Jahrgang 33, Heft 1/2 (promet ist eine seit 1971 vom Deutschen Wetterdienst herausgegebene Zeitschrift zur Fortbildung von Meteorologen und Wetterberatern)

Quellen:

Dipl.-Met. Dorothea Paetzold: Phänologie. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 10.03.2012

Erstellt am 10. März 2012
Zuletzt aktualisiert am 17. März 2015

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