Tipp für effektive Vorsorge

Wetterwechsel provoziert Migräneattacken

von Holger Westermann

Befragt man Menschen, die unter Migräne leiden, werden zuverlässig bestimmte Wetterlagen oder  eine besonders dynamische Veränderung des Wetters als Auslöser von Schmerzattacken genannt. Deshalb wurde dieser besondere Umwelt-Trigger schon vielfach untersucht. Neue Studien zeigen, dass es nicht die Wetterlage ist, die Schmerzattacken auslöst.

Ein japanisches Forscherteam korrelierte über ein Jahr hinweg, zwischen Dezember 2020 und November 2021, die Daten von mehr als 4.000 Personen mit stündlichen Kopfschmerzprotokollen und den lokalen Wetterdaten. Darunter gut ein Drittel (37%) Menschen mit diagnostizierter Migräne und weitere 6% mit anderen chronischen Kopfschmerzerkrankungen. Das Ergebis der Analyse lieferte ein heterogenes Bild: Niedriger Luftdruck provozierte Kopfschmerzepisoden wenige Stunden nachdem der Barometerwert stark abfiel und auch wenn diese Wetterlage dann stabil blieb oder der Luftdruck kontinuierlich weiter zurück ging. Als Wetterereignis ist das der Durchzug einer Kaltfront. Auch höhere Luftfeuchte und anhaltender Regen können Kopfschmerzattacken hervorrufen, wenn auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit. Anhaltend niedriger Luftdruck ist dagegen weniger wirksam.

Dieses Ergebnis bestätigte ein italienisches Team durch eigene Analysen, über die sie auf dem Jahreskongress der European Academy of Neurology (EAN) in Budapest (Ungarn) berichteten. Grundlage der Studie sind klinische Daten, die das Team über zwei Jahre, von März 2010 bis März 2012, in der Notaufnahme des Gemelli-Krankenhauses (Rom, Italien) bei Menschen mit Migräne erhoben hatte. Im Nachhinein wurden die jeweils aktuellen Wetterdaten hinzugezogen. So problematisch die Verwendung der Daten aus einer Notaufnahme auch ist - es werden nur Extremfälle registriert, die „normalen“ Beschwerden und die Überhauptnichtreagierenden bleiben unberücksichtigt - so positiv ist der lange Beobachtungszeitraum dieser Studie, mit der auch Jahreszeiteneffekte abgedeckt werden.

Insgesamt konnten innerhalb der 24 Monate 1.615 Menschen mit Migräne ohne Aura und 127 Menschen mit Migräne mit Aura berücksichtigt werden. Dabei erkannten die Forscher, dass nicht alle Betroffenen gleichermaßen auf Wetterphänomene reagierten - es gab besonders sensible und weniger empfindsame. Offensichtlich war aber, dass die Dynamik der Wetteränderung Schmerzattacken provozierte, während die Intensität des Wetterwechsels keine Rolle spielte. Die Forscher vermuten, dass die drastische Veränderung der Umweltbedingungen in Form von Wetterparametern die neuronale Erregbarkeit des trigeminovaskulären Systems stört oder die damit korrelierenden Strukturen beeinflusst. Möglich sei aber auch, dass quantitative Veränderungen von Triggerfaktoren die Reaktion der Patienten auf meteorologische Umweltreize verstärken.

Steigt die Temperatur im Vergleich zum Vortag, stieg auch die Wahrscheinlichkeit für Schmerzattacken. Ebenso erwiesen sich ein markanter Anstieg der Luftfeuchtigkeit zwei Tage zuvor als wirkmächtiger Trigger. Solche plötzlichen Änderungen der gefühlten Temperatur (Thermometerwert und Luftfeuchte) lösen schwere Attacken aus. Doch wie passen diese Ergebnisse zu denen der japanischen Studie? Der Durchzug eines Tiefdruckgebietes, der in Europa recht dynamisch erfolgt (Atlantiktiefs), folgt dem immer gleichen Muster: Erst erleben die Menschen die Warmfront (feuchtwarme Mittelmeerluft - insbesondere in Italien) und dann folgt der Kaltluftvorstoß (hierzulande stärker spürbar als im sonnigwarmen Süden). So passen die Ergebnisse beider Studien gut zusammen. Für Menschen mit Migräne bedeutet dies, dass sie nicht einzelne spezielle Wetterlagen fürchten müssen, sondern bei der Vorhersage für heftigen Wetterwechsel vorsorgen sollten.

Quellen:

Katsuki, M. et al. (2023): Investigating the effects of weather on headache occurrence using a smartphone application and artificial intelligence: A retrospective observational cross-sectional study. Headache 63c(5):c585c-c600. DOI: 10.1111/head.14482.

Sottani, C. et al. (2023): Weather impact on migraine: an Emergency Department retrospective study. Neurology beyond the Big Data; 9th Congress of the European Academy of Neurology; Budapest 1. - 4.7.2023; Abstract EPO-579.

Erstellt am 26. September 2023
Zuletzt aktualisiert am 26. September 2023

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