Zigaretten-Abstinenz ist auch gut für das seelische Gleichgewicht
Nikotinverzicht fördert die Gesundheit und erfrischt das Gemüt
Zwei populäre Legenden halten Raucher am Glimmstengel: Ohne Zigaretten werde ich dick und depressiv. Doch eine aktuelle Auswertung mehrerer wissenschaftlicher Studien (Metaanalyse) zeigt, dass der Verzicht auf Nikotin Depressionen, Ängste, Stress und die psychologische Lebensqualität lindert anstatt sie hervorzurufen.
Das Team um Prof. Dr. Paul Aveyard von der Universität Oxford (Großbritannien) analysierte die Ergebnisse von 26 medizinischen Studien, die ihren Qualitätsanforderungen genügten. Neben den Mindestanforderungen an die wissenschaftliche Qualität war ausschlaggebend, dass die Patienten nach der Rauchentwöhnung die Entwicklung ihrer physischen und psychischen Gesundheit dokumentierten. Der Fokus einzelner Studien lag auf Depressionen, andere konzentrierten sich auf Angststörungen, ein Teil auf Stressbelastung oder sie untersuchten generell die mentale Lebensqualität.
Der positive Effekt der Nikotinabstinenz auf die Psyche überraschte die Forscher; er ist mit dem von Psychopharmaka vergleichbar. Nach einem standardisierten Verfahren wurde für den Verzicht auf Zigaretten für leichte und mittelschwere Depressionen eine Effektstärke (0 = wirkungslos; 1 = maximale Wirkung) von 0,31 errechnet, Medikamente aus der Klasse der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer erreichen zumeist eine Effektstärke von 0,17 bis 0,11. Auch wenn diese Effektstärke-Werte nicht direkt vergleichbar sind (die Medikamente wurden in klinischen Studien gegen Placebo getestet, der Nikotinverzicht aber als Beobachtungsstudie ohne Placebokontrolle), ist die deutlich positive Wirkung auf die Psyche offensichtlich.
Inwiefern die Ergebnisse auch für Menschen mit schwerer Depression (Major Depression) gelten, müssen weitere Studien klären. Unstrittig ist jedoch, dass die Hoffnung auf „Entspannung“ und „innere Ruhe“ durch die Zigarette unsinnig ist. Für die Forscher erklärt allein das Aufheben der Nikotin-Entzugserscheinungen den von Rauchern so oft beschworene Entspannungseffekt des ersten Lungenzugs. Demnach lindert die Zigarette das psychische Missempfinden, das die Nikotinabhängigkeit hervor gerufen hat.
Diese Ergebnisse haben hohe praktische Relevanz, für Menschen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen, aber die psychische Belastung scheuten; aber auch für Psychiater und andere Ärzte. So war es bisher üblich, bei psychisch belasteten Patienten nicht unbedingt auf Nitkotinabstinenz zu drängen, selbst wenn Erkrankungen der Atemwege oder von Herz und Kreislauf das prinzipiell indizierten. „Das können wir ihnen nicht auch noch abverlangen“, so die weit verbreitete Auffassung. So nennen die Nichtraucherschutzgesetze explizit Ausnahmen für geschlossene Psychiatrische Einrichtungen. Eingedenk der Tatsache, dass Tabakkonsum auch die Wirksamkeit einiger Psychopharmaka reduziert, wird nun möglicherweise der Raucherentwöhnung auch in der Psychotherapie größere Bedeutung zugemessen werden.
Da in der hier vorgestellten Metastudie nur wissenschaftliche Veröffentlichungen berücksichtigt wurden, eine erfolgreiche Rauchentwöhnung voraussetzten, lässt sich aufgrund dieser Arbeit die wesentliche Frage nicht beantworten: Bewirkt das Aufhören mit dem Rauchen, dass sich die mentale Gesundheit verbessert? Oder führt eine verbesserte Psyche dazu, dass man das Rauchen aufgibt?
Die Autoren der Studie plädieren in ihrem Fazit für die erste Erklärungsvariante. Sie sind sich sicher, dass viele Raucher die Zigaretten nutzen, um Ängste und depressive Stimmung zu dämpfen. Doch genau diese psychologischen Tiefpunkte provoziert der Nikotin-Entzug. Die Zigarettenpause gewährt die Entspannung vom körperlichen und seelischen Stress der Entzugserscheinungen – zum Preis der Gesundheitsrisiken des Rauchens und der ökonomischen Belastung beim Einkauf der Rauchwaren.
Quellen: Taylor, G. et al. (2014): Change in mental health after smoking cessation: systematic review and meta-analysis. British Medical Journal (BMJ) 348: g1151. doi: 10.1136/bmj.g1151. Online veröffentlicht am 13.02.2014.
Erstellt am 24. Februar 2014
Zuletzt aktualisiert am 24. Februar 2014
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