Optimal schützen 23,2°C Lufttemperatur

Temperatur triggert den Herztod

von Holger Westermann

Bei Klima und Wetter ist nicht Hitze sondern Kälte der wirkmächtigste Risikofaktor für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine aktuelle Studie an erwachsenen US-Amerikanern bestätigt weltweit erhobene Daten.

In einer älteren weltweiten Studie (Zhao, Q. et al. 2021) wurde ein knappes Zehntel aller Todesfälle aus 750 lRegionen/Städten in 43 Staaten suboptimalen Temperaturen (Kälte oder Hitze) zugerechnet. Im Untersuchungszeitraum (2000 bis 2019) waren das über fünf Millionen Tote pro Jahr, was einem Anteil an allen Todesfällen von rund 9,4% entspricht bzw. 74 Tote auf 100.000 Personen. Es zeigte sich dabei, dass die meisten bei Kälte starben und weniger als ein Zehntel bei Hitze. Das paradoxe daran ist, dass im vergleichsweise kühlen Osteuropa die höchste hitzebedingte Übersterblichkeitsrate errechnet wurde, während für das durchschnittlich deutlich heißeren Subsahara-Afrika die höchste kältebedingte Übersterblichkeitsrate festgestellt wurde. Andere, auf Beobachtungsdaten gestützte internationale Studien zeigten vergleichbare Ergebnisse auch bei einer Kälte-Hitze-Analyse, die sich auf Todesfällen aufgrund von Herz-Kreislauf-Ereignissen fokussiert (Alahmad, B. et al. 2023; Hundessa, S. et al. 2024)

Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2026 stützt sich auf Daten von Todesfälle infolge von Herz-Kreislauf-Ereignissen im nahezu demselben Zeitraum (2000 bis 2020) aus 819 Regionen der USA (Counties), in denen zusammengerechnet rund 80% der über 25 Jährigen US-Amerikaner leben. Damit repräsentiert die Datengesamtheit dieser Studie eine einheitliche Qualität, die in der multinationalen Studie aus 2021, 2023 und 2024 nicht durchgängig garantiert werden konnte.

Als Scheitelpunkt zwischen „Kälte“ und „Hitze“ wählten die Forscher die empirisch bestimmte minimale Mortalitätstemperatur (MMT); definiert als die Temperatur, bei der die wenigsten Menschen an Herz-Kreislauf-Ereignissen gestorben sind. Diese MMT lag bei einem Thermometerwert von 23.2°C, andere Einflußparameter der physiologisch wirksamen „gefühlten Temperatur“ (Deutschland und auch menschenswetter) oder des international gebräuchliche Universellen Thermischen Klimaindex, (Universal Thermal Climate Index, UTCI) wie Luftfeuchte (Schwüle, Nasskälte), Wind oder Strahlungswärme wurden nicht berücksichtigt.

Sowohl bei Kälte als auch bei Hitze stieg das Mortalitätsrisiko an und je größer die Differenz zum MMT jeweils war, um so deutlicher wurde der Effekt. Doch auch in dieser Studie war die Stärke des Temperatureinflusses, seine Triggerwirkung, bei Kälte erheblich größer als bei Hitze. Die Forscher errechneten 40.000 zusätzliche Todesfälle pro Jahr bei Kälte - und 40.000 Herz-Kreislauf-Todesfällen bei Hitze in 20 Jahren.

Die Forscher bestimmen zwei Einflußgrößen, durch die Kälte eine so drastische Wirkung auf Menschen mit Herz-Kreislauferkrankungen haben kann 1) Bei gefühlten Kältereizen (markanter Wärmeverlust über die Haut) verengen sich di eBlutgefäße und der Blutdruck steigt steil an 2) Kältereize provozieren Entzündungsprozesse, wodurch die Stabilität der Blutgefäße geschwächt wird.

Diese Kälteeffekte erhöhen das Risiko für einen spontanen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Besonders anfällig sind dafür ältere Menschen, insbesondere wenn sie unter Vorerkrankungen wie Herzschwäche, Arteriosklerose, Diabetes oder  Nierenerkrankungen leiden. Hitze ist dagegen ein weniger risikoträchtig, da sich unter diesen Bedingungen die Adern weiten, wodurch der Blutfluss weniger anfällig für Infarkte wird. So lange man bei hohen Temperaturen ausreichend trinkt um einer Bluteindickung durch Wassermangel entgegenzuwirken, ist die Sturzgefahr mit Verletzungsrisiko aufgrund geringer Muskelleistung oder Konzentrationsfähigkeit die Hauptgefahr der Hitze. So fordern auch die Forscher in ihrem Fazit: „Wir tendieren dazu, uns auf die hitzebezogenen Auswirkungen des Klimawandels zu konzentrieren, aber Klimawandel bringt auch extreme Kälte.“ Patienten in ihrer Selbstverantwortung aber auch Ärzte, Kliniken und allgemein das Gesundheitssystem sollten sich darauf vorbereiten, dass bei niedrigen Temperaturen mehr Notfälle auftreten können - und auch das persönliche Risiko zunimmt.

Quellen:

Zhao, Q. et al. (2021): Global, regional, and national burden of mortality associated with non-optimal ambient temperatures from 2000 to 2019: a three-stage modelling study. The Lancet Planet Health 5 (7): E415-E425. DOI: 10.1016/S2542-5196(21)00081-4

Alahmad, B. et al. (2023): Associations between extreme temperatures and cardiovascular cause-specific mortality: results from 27 countries. Circulation 147 (1): 35-46, DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.122.06183

Hundessa, S. et al. (2024): Global and Regional Cardiovascular Mortality Attributable to Nonoptimal Temperatures Over Time. Journal of the American College of Cardiology 83 (23): 2276 - 2287. DOI: 10.1016/j.jacc.2024.03.425

Vieira de Oliveira Salerno, P.R. et al. (2026): Cardiovascular disease mortality attributable to monthly non-optimal temperature in the united states: a county-level analysis. American Journal of Preventive Cardiology: 101514. DOI: 10.1016/j.ajpc.2026.101514

Erstellt am 27. März 2026
Zuletzt aktualisiert am 27. März 2026

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