Nach dem nächtlichen Spaziergang droht Müdigkeit am Tag
Schlafwandeln mit wachem Geist
Die schlafwandlerische Sicherheit beruht nicht auf der Vorsehung oder einem übernatürlichen Schutz, vielmehr verdanken die nächtlichen Spaziergänger das geringe Unfallrisiko ihrer eigenen Aufmerksamkeit. So können sich erwachsene Schlafwandler durchaus daran erinnern, was sie warum im Schlaf unternommen hatten. So griff sich ein Schläfer seinen Hund, um ihn zu duschen. Er war der festen Überzeugung das Tier würde brennen – ein Irrtum, an den sich der Schlafwandler nach dem Erwachen aber noch genau erinnerte. Eine aktuelle Studie fasst die medizinische Literatur zum Schlafwandeln zusammen, nennt Fakten und klärt populäre Irrtümer auf.
Über Schlafwandler existiert eine Vielzahl medizinischer Mythen. Der Psychologe Prof. Dr. Antonio Zadra und sein Forscherteam von der Université de Montréal (Kanada) haben diese Überzeugungen einer genauen Analyse unterzogen, indem sie die aktuelle wissenschaftliche Literatur eingehend untersuchten, sowie die eigene schlafmedizinische Forschung der letzten 15 Jahre einbezogen.
Als wichtigstes Ergebnis nennen die Forscher, dass Schlafwandler keineswegs kopflos unterwegs sind. Sie agieren vielmehr logisch und überlegt – doch innerhalb der Traumwelt. Die eingangs geschilderte Hunde-Episode illustriert das sehr anschaulich. So entstehen beim Schlafwandeln auch nur selten echte Gefahrensituationen, so lange man kein wasserscheuer Hund ist. Nur in Ausnahmefällen verletzen sich Schlafwandler oder bringen andere Menschen durch ihre nächtlichen Eskapaden in Gefahr.
Offensichtlich schläft das Gehirn eines Schlafwandlers nicht komplett. Die Augen sind zumeist geöffnet, die Umgebung und Personen werden wahrgenommen. Fenster, Türen und Schränke werden korrekt geöffnet und verschlossen, Treppen benutzt, die Toilette abgespült. Personen werden gezielt aufgesucht und angesprochen – doch nur innerhalb der gerade erlebten Traumwelt. Diese Traumwelt ist in sich logisch organisiert, doch mit der realen Gegebenheit stimmt sie zumeist nicht überein.
Es ist nicht so, dass Schlafwandler nicht wissen was sie tun. Es passt nur nicht zur Wirklichkeit der Beobachter, es passt aber perfekt in den Traum der Schlafwandler. Ein Großteil der nächtlich Umherstreifenden kann sich am nächsten Morgen sogar an die Exkursion im Schlaf erinnern. „Manche erinnern sich sogar an ihre Gedanken oder Gefühle“ erläutert Prof. Zadra. „Wenn sie wieder wach sind, erkennen sie oft als Erstes, dass ihre Aktionen unsinnig waren“.
Schlafwandeln ist Familientradition, denn rund 80% der Schlafwandler kennen das Phänomen von anderen Familienmitgliedern. Aber auch akuter Stress und chronischer Schlafmangel können eine Traum-Exkursion auslösen. Sehr häufig tritt Schlafwandeln bei Kindern zwischen dem 6. und 12. Lebensjahr auf. Die Forscher vermuten, dass in diesem Lebensalter die Verarbeitung von neuen Lebenseindrücken im heranreifenden Gehirn zu einer verstärkten Aktivität im Traum führt. Oft verschwindet das Phänomen aber mit der Pubertät, nur in 25% der Fälle überdauert es bis ins Erwachsenenalter.
Nächtliches Schlafwandeln schadet der Konzentrationsfähigkeit sowie der Motivations- und Leistungsbereitschaft am Tag. Fast die Hälfte der Betroffenen klagt über Müdigkeit und geistige Erschöpfung. Insofern ist Schlafwandeln auch mit Gefahren für die Gesundheit verbunden – nicht in der Nacht sondern am Tag danach.
Quellen: Zadra, A. et al. (2013): Somnambulism: clinical aspects and pathophysiological hypotheses. The Lancet Neurology 12(1): 285-294
Erstellt am 8. April 2013
Zuletzt aktualisiert am 15. Januar 2015
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