Nicht für alle Patienten ist eine medikamentöse Absenkung des Cholesterinspielgels sinnvoll
Senioren profitieren nicht von Statinen
Unstrittig ist, dass ein (zu) hoher Gesamtcholesterinspiegel, insbesondere zu hohe Werte des LDL-Cholesterins (low densitiy lipoprotein) parallel zu niedrigen Werten für HDL-Cholesterin (hight densitiy lipoprotein), das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigern. Herzinfarkte und Schlaganfälle drohen und damit ein Verlust an Lebensjahren, in jedem Fall aber ein Verlust an Lebensqualität in den verbleibenden Lebensjahren. Statine sind die Medikamente der Wahl um den Cholesterinspiegel der Patienten zu senken, aber offensichtlich ist das nicht für alle empfehlenswert.
Zumindest für ältere Menschen ist die medikamentöse Cholesterinsenkung als Therapie in Frage zu stellen. Bereits 1994 kam ein Forscherteam um Dr. Harlan Krumholz et al. in einer Untersuchung an fast 1.000 über 70-Jährigen zu dem Ergebnis, dass die seit den 1960er Jahren etablierte Cholesterin-Arteriosklerose-Hypothese für ältere Menschen keine Gültigkeit hat. Die These, dass ein hoher Gesamtcholesterinspiegel oder ein (zu) niedriger HDL-Anteil wichtige Risikofaktoren sind für koronare Herzerkrankungen, für Angina pectoris oder einen Herzinfarkt, konnte nicht gestützt werden. Ebenso wenig fanden sich Belege für die Vermutung, dass diese Risikofaktoren die Gesamtsterblichkeit erhöhen und Lebensjahre kosten.
In Ergänzung zu dieser US-amerikanischen Studie wurde im Herbst 2011 eine weitere Untersuchung aus Europa veröffentlicht. Dabei wurden in den Niederlanden 5.750 ältere Patienten zwischen 55 bis 99 Jahren nach einer fast 14jährigen medizinischen Beobachtungszeit auf den Einfluss eines hohen Gesamtcholesterinspiegels auf ihre Gesundheit und Lebenserwartung hin untersucht. Das Ergebnis steht im Widerspruch zu den Annahmen der Cholesterin-Arteriosklerose-Hypothese. Ein höherer Cholesterinwert scheint für ältere Menschen lebensverlängernd zu wirken. Über alle Altersgruppen (der ohnehin schon Älteren) hinweg zeigt sich ein Gewinn an Lebensjahren, da die Menschen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit an nicht-kreislauf-bedingten Erkrankungen, insbesondere Krebs, starben.
Je höher die Cholesterinwerte im Blut und je älter die Menschen, um so stärker sank das Sterberisiko. Der Anteil des „guten“ HDL-Cholesterins am Gesamtcholesterin hatte dagegen keinen Einfluss auf das Auftreten von lebensverkürzenden nicht-kreislauf-bedingten Erkrankungen. Aber auch bei der Sterblichkeit aufgrund von koronaren Herzerkrankungen zeigt sich nur bei den Über-85-Jährigen ein positiver Effekt eines niedrigen Gesamtcholesterins. Die hochbetagten Senioren mit hohen Cholesterinwerten mussten vor allem Herzinfarkt und Schlaganfall fürchten, ein hoher HDL-Anteil konnte diesen Effekt aber mehr als ausgleichen. Nur in dieser Altersgruppe zeigte sich die Cholesterin-Arteriosklerose-Hypothese lehrbuchartig bestätigt, wenn man ausschließlich auf die Herz-Kreislauf-Erkrankungen fokussiert und andere Krankheitsrisiken unberücksichtigt bleiben. Bei einer umfassenden Würdigung der Ergebnisse dieser Studie scheint der Nutzen einer medikamentösen Cholesterinsenkung bei ansonsten beschwerdefreien Senioren zumindest fraglich.
Quellen: Krumholz, H.M. et al. (1994): Lack of association between cholesterol and coronary heart disease mortality and morbidity and all-cause mortality in persons older than 70 years. " Journal of the American Medical Association 272(17): 1335-1340 Newson, R.S. et al. (2011): Association between serum cholesterol and noncardiovascular mortality in older age. Journal of American Geriatric Society 59(10): 1779-1785
Erstellt am 13. Juni 2012
Zuletzt aktualisiert am 8. April 2015
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