Wetter

Stürmischer Spätwinter

von Holger Westermann

Während das Sturmtief „Klaus“ den Norden und Nordwesten Mitteleuropas zerzauste, mausert sich südlich von Grönland ein kleines Wellentief, das kaum flügge geworden mit dem Jetstream rasch ostwärts strebt und dann als zweiter Sturm über die Landschaft fegt, gefolgt von einem Kaltlufteinstrom.

Derzeit hat sich über dem Nordmeer ein kräftiges Zentraltief etabliert. Aufgrund der sehr dynamischen Luftströmung entgegen dem Uhrzeigersinn um das Zentrum entsteht an der Südseite eine starke Westströmung mit kleinen Wellenstörungen. Genau dort verstärken sich die Druckunterschiede und damit die mit der Welle weiterwandernde Windgeschwindigkeit. Ein Tiefdruckgebiet das auf diese Welle surft bewegt sich besonders rasch von West nach Ost, vom Nordatlantik nach Mitteleuropa. Meteorologen sprechen von einem „Schnellläufer“.

Ein Schnellläufer kommt selten allein; es wird ein reger Reigen kleiner rasanter Tiefs erwartet. Je nachdem mit wieviel Vehemenz, wie schnell und wie kräftig, die einzelnen Frontensysteme heranziehen, wird nur der Norden und Nordwesten Deutschlands tangiert oder ganz Mitteleuropa bis zur Donau und zu den Alpen, mit dem Nordföhneffekt auch ein wenig darüber hinaus. Die Begleiterscheinungen sind Wind-Sturm-Orkan, Gewitter, Regen und Starkregen, Graupel und Schnee.

Dabei erreicht der Thermometerwert tagsüber Maxima um die +7°C; nachts muss nahezu flächendeckend mit leichten Frost gerechnet werden. Aufgrund der hohen Niederschlagsneigung und dem kräftigen Wind liegt die gefühlte Temperatur, die Körperreaktionen und Gesundheit bestimmt, deutlich darunter. Auch an der Vorderseite herzanziehender Tiefs, wenn der Wind aus Südwesten kommt, wird die Luft zwar trockener (und mit +14°C auch messbar wärmer) aber kaum merklich wärmer; die hohe Geschwindigkeit der Luftmassen verhindert wohlige Gefühle und suggeriert weiterhin Abkühlung.

In der zweiten Märzhälfte erschlafft die stabile Westlage. Dann wird sich über Westeuropa ein Hochdruckgebiet bilden. Darin strömt die Luft im Uhrzeigersinn um das Zentrum, sodass der Wind auf Nord bis Nordwest dreht. So wird nochmals ein Schwall extrem kalter Polarluft nach Mitteleuropa geführt. Damit wandelt sich in vielen Regionen das Landschaftsbild. Es sind ergiebige Niederschläge angekündigt, die in mittleren bis höheren Lagen oberhalb von 400m und in kühlen Senken als Schnee fallen werden. Nur wenn die bodennahe Luftschicht hinreichend warm und mächtig (dick) ist, schmilzt der Schnee und es regnet - oft sehr heftig und lang anhaltend. In der zweiten Februarhälfte geweckte Frühlingsgefühle werden wieder auf Eis gelegt. Der gesamte März wird nach den aktuellen mittelfristigen Prognosen mit großer Wahrscheinlichkeit als frostig-nasser Monat empfunden werden.

Für wetterempfindliche Menschen mit Schmerzen in Muskulatur und Gelenken, mit Bluthochdruck und Asthma bedeutet die Verlängerung des gefühlten Winterwetters über den Frühlingsbeginn am 20. März hinaus eine Beeinträchtigung des Wohlbefindens und ein Gesundheitsrisiko. Das Gefühl durch garstiges Wetter in der eigenen Behausung eingesperrt zu sein kann Unbehagen provozieren und Depressivität verstärken. Tröstend wirken kann derweil die Gewissheit, dass kühle Witterung die Schlafqualität verbessert.

Sollte die kühle Witterung tatsächlich bis Ende März anhalten, bewirkt eine Veränderung der Großwetterlage einen abrupten Temperaturanstieg. Die Sonne steht dann bereits recht hoch am Mittagshimmel und der lichte Tag währt länger als die Nacht. Die intensive Sonnenstrahlung plus Warmluft sind dann ideale Bindungen für einen zügigen Abschied vom gefühlten Winter. Doch bis dahin werden wahrscheinlich noch ein oder zwei Wochen mit spätwinterlich nasskaltem Wetter vergehen.

Quellen:

Dipl.-Met. Marco Manitta: Stürmische Zeiten. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 10.03.2021

Dr. rer. nat. Markus Übel (Meteorologe): Nach dem Sturm ist vor dem Sturm … . Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 11.03.2021

Erstellt am 12. März 2021
Zuletzt aktualisiert am 12. März 2021

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