Immunsystem provoziert im gesamten Körper Entzündungsreaktionen

Mückenstich quält tagelang

von Holger Westermann

Die Einstichstelle beginnt zu jucken, wenn das blutgierige Insekt bereits abgeflogen ist. Denn der Mückenspeichel enthält Substanzen, die wie ein Lokalanästhetikum wirken und die Haut ringsherum betäuben. Für die Stechmücke ist das ein wirkungsvoller Schutz gegen schlagkräftige Reaktionen des Opfers. Für das Immunsystems des angezapften Körpers aber oftmals Auslöser für eine langwierige Entzündungsreaktion.

Hierzulande sind Mückenstiche lästig, für manche Menschen auch schmerzhaft aber glücklicherweise nicht lebensbedrohlich. In den Tropen oder subtropischen Regionen bis hinauf zum Mittelmeer können jedoch von den dort heimischen Mückenarten auch schwere Krankheiten übertragen werden; jedes Jahr sterben rund 750.000 Menschen an Malaria, Zika-Infektion, Dengue- und West-Nil-Fieber.

Doch schon durch einen normalen Mückenstich, der keine Krankheitserreger transportiert, gelangen Substanzen unter die Haut und in die Blutbahn, die eine Immunabwehr provozierten. Selbst in Organen und Geweben, die weit von der Einstichstelle entfernt liegen, werden Abwehrreaktionen ausgelöst, die noch eine Woche später nachweisbar sind. Man kann von einer generalisierten (den ganzen Körper betreffenden) Entzündungsreaktion als Antwort auf einen Mückenstich sprechen. Manche Menschen reagieren besonders sensibel und entwickeln großflächiger lang anhaltende Rötungen oder Plaques und Quaddeln, andere können die Einstichstelle schon nach einem Tag nicht wiederfinden. Je nachdem wie intensiv das Immunsystem des Opfers auf die mehr als 100 Proteine im Mückenspeichel reagiert, entwickelt sich die lokale Hautveränderung und die im gesamten Körper wirksame Entzündungsreaktion.

In einer älteren Studien (2016) konnten Forscher aus Großbritannien und Estland zeigen, dass Mückenspeichel eine lokale Entzündungsreaktion hervorruft, bei der sich weiße Blutkörperchen (Leukozyten) an der Stichstelle sammeln. Während des Mückenstichs eingedrungenen Viren gelingt es diese Abwehrzellen zu entern. Verborgen in körpereigenen Zellen werden die Viren durch den Blutkreislauf im gesamten Körper verteilt. Die Entzündungsreaktion hilft den Viren bei der Infektion.

In einer aktuellen Studie untersuchten Forscher vom College of Medicine in Houston(Texas, USA) ob Mückenstiche auch ohne Injektion von Krankheitserregern eine Immunreaktion auslösen. Dazu wurden Mäuse als Mückenopfer eingesetzt, denen mithilfe von Blutstammzellen Bestandteile des menschlichen Immunsystems übertragen worden waren. Obwohl die Mücken keinen Krankheitserreger übertrugen, zeigten die transgenen Mäuse spezifische Immunreaktionen:  die Zahl von T-Helferzellen änderte sich und die Konzentration von Cytokinen (Botenstoffe zur Koordination der Immunabwehr) sowie die Zahl aktiver „Killerzellen“ und „Fresszellen“ stieg. Offensichtlich wurde das menschliche Immunsystem von den Proteinen im Mückenspeichel in lang anhaltende Alarmbereitschaft versetzt. Noch eine Woche später ließ sich die generalisierte Entzündungsreaktion nachweisen; in unterschiedlichen Gewebetypen wie Blut, Haut und Knochenmark.

In ihrem Fazit verweisen die Forscher auf die vielfältigen und langwierigen Folgen für die Gesundheit: „Die Tatsache, dass diese Effekte bis zu sieben Tage nach dem Stich anhalten, ist dabei besonders interessant – und im Zusammenhang mit Allergien auch besorgniserregend.“ Denn solch ein „kleiner“ Mückenstich ist für den Körper eine komplexe Belastung, die das komplette Immunsystem fordert insbesondere bei bereits geschwächten Menschen mit chronisch belasteter Gesundheit.

Quellen:

Vogt, M.B. et al. (2018): Mosquito saliva alone has profound effects on the human immune system. PLOS Neglected Tropical Diseases, online veröffentlicht am 17.05. 2018. DOI: 10.1371/journal.pntd.0006439.

Pingen, M. et al. (2016): Host Inflammatory Response to Mosquito Bites Enhances the Severity of Arbovirus Infection. Immunity 44 (6): 1455 - 1469. DOI: 10.1016/j.immuni.2016.06.002

Westermann, H. (2016)
: Mückenstich - Vireninfektion unterstützt die Vireninvasion. Menschenswetter Artikel 1414, online veröffentlicht 13.08. 2016.

Erstellt am 14. Juni 2018
Zuletzt aktualisiert am 14. Juni 2018

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