Eingewanderte Tigermücke ist Vektor für gefährliche Viren

Mückenstich-Vireninfektion unterstützt die Vireninvasion

von Holger Westermann

Stechmücken sind eine lästige Begleiterscheinung lauer Sommernächte. Mückenstiche provozieren lokale Abwehrreaktionen des Körpers, juckende rote Pusteln. Hierzulande ist das ein Ärgernis, andernorts ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko. In subtropischen Regionen heimische Arten übertragen gefährliche Viruserkrankungen. Dabei unterstützt die lokale Immunreaktion die Vireninfektion. Inzwischen haben sich auch in Mitteleuropa Mückenarten angesiedelt, die Viren übertragen können.

Heimische Arten wie die gemeine Stechmücke (Culex pipiens) oder die Auwaldmücke (Aedes vexans) meiden die Mittagshitze und werden erst kurz vor Sonnenuntergang aktiv. Die zugewanderte, im südlichen Mitteleuropa schon flächendeckend verbreitete asiatische Buschmücke (Aedes japonicus; Ochlerotatus japonicus japonicus) attackiert dagegen den ganzen Tag über. Das ist ein Ärgernis, aber noch kein Gesundheitsrisiko. Alarmierend ist jedoch die Ausbreitung der Asiatischen Tigermücke (Aedes albopictus) und der Gelbfiebermücken (Aedes aegypti). Als gesichert gilt, dass sich in Süddeutschland bereits zwei Tigermücken-Populationen etabliert haben, die auch überwintern. Bislang wurden bei den in Mitteleuropa gefundenen und untersuchten Populationen jedoch noch keine Virusträger (Vektoren) entdeckt. Ein akute Gefahr besteht nicht.

Ganz anders ist die Situation beispielsweise in den USA. Dort wurde Ende Juli 2016 im Bundesstaat Florida die erste Übertragung des Zika-Virus durch Mücken nachgewiesen; inzwischen ist die Zahl der Infektionen auf 14 gestiegen (Stand 1.8.2016). Das bislang vorrangig in Mittel- und Südamerika und der Karibik verbreitete Virus verursacht grippeähnliche Beschwerden. Bei Schwangeren kann eine Infektion jedoch zu Schädelfehlbildungen und schweren neurologischen Schäden der Babys führen. Weitere Viren, die durch Stechmücken-Vektoren verbreitet werden, sind Gelbfieber-Virus, Denguefieber-Virus und Chikungunyafieber-Virus.

Rund hundert Millionen Menschen werden jedes Jahr durch Stechmücken mit Viren infiziert. Derzeit grassiert in der Demokratischen Republik Kongo eine Gelbfieber-Epedemie. Auf Bitte der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation, WHO) um technischen Unterstützung wird dort auch das jüngst von der Europäischen Union formierte European Medical Corps aktiv und kann sich in seinem ersten Einsatz bewähren. Beteiligt sind Experten des Bernhardt-Nocht-Instituts für Tropenmedizin und des Robert-Koch-Instituts (RKI), um Diagnose und Therapie der Erkrankten sowie Impfung der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten sicherzustellen.

Diagnose und Therapie der bereits Infizierten, begleitet von flächendeckender Impfung der Bevölkerung verspricht Erfolg im Kampf gegen die Viren. Das Blut von Infizierten enthält Viren, die durch Mücken-Vektoren auf Gesunde übertragen werden. Da jedes Mückenweibchen nach der Eiablage erneut Blut saugt, um weitere Eier zu produzieren, ist die Verbreitung der Viruserkrankungen so rasant. Unterstützt wird diese Dynamik durch ein fatales Zusammenspiel von Reiz des Mückenstichs, Immunreaktion des Körpers und Invasion der Viren.

Für eine genaue Untersuchung dieses Zusammenwirkens infizierten Forscher Mäuse mit dem Semliki-Forest-Virus, einem Subtyp des Chikungunya-Virus; einmal „natürlich“ durch Stich der Gelbfiebermücke und einmal mit vergleichbarer Virenlast „medizinisch“ durch Injektion. Dabei stellten Sie fest, dass sich die Viren in Mäusen, die über die Mückenstiche infiziert wurden, zehnfach schneller und stärker vermehrten als bei den nicht gestochenen Mäusen. Natürlich infizierte Mäuse entwickelten schneller typische Symptome und der Krankheitsverlauf war durchweg dramatischer.

Bislang galt der Mückenspeichel als Infektionsbeschleuniger. Denn „der Mückenspeichel enthält eine Vielzahl von biologisch aktiven Komponenten", erklären die Forscher. „Deshalb vermutete man bisher, dass er auch immunschwächende Faktoren enthält, die die Infektion des Wirts durch Krankheitserreger erleichtert.“ Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Wie die juckenden roten Pusteln oder gar angeschwollenen Quaddeln andeuten ist die Immunreaktion nicht gebremst, sondern gerade bei Mückenstichen besonders intensiv. Mückenspeichel provoziert eine lokale Entzündungsreaktion, bei der sich weiße Blutkörperchen (Leukozyten) an der Stichstelle sammeln. Den Viren gelingt es diese Abwehrzellen zu entern. So werden die Viren, verborgen in körpereigenen Zellen, durch den Blutkreislauf im gesamten Körper verteilt. „Das war für uns eine große Überraschung, weil von solchen Viren bisher nicht bekannt war, dass sie Immunzellen infizieren", erläutern die Forscher die Bedeutung ihrer Entdeckung. Den unmittelbaren Beleg lieferte ein Experiment, bei dem die Immunreaktion am Mückenstich unterbunden wurde; dann blieb auch die fulminante Vermehrung der Viren aus.

In ihrem Fazit formulieren die Forscher die Hoffnung auf eine vorbeugende Verhinderung oder Linderung von Virusinfektionen: „Wir sind jetzt gespannt darauf zu untersuchen, ob entzündungshemmende Cremes die Viren davon abhalten können, sich so stark zu vermehren“. Eine äußerliche Behandlung zur Reduktion der Immunreaktion hätte den attraktiven Nebeneffekt, dass auch Juckreiz und Rötung schwänden.

Quellen:

Informationen zum European Medical Corps

Westermann, H. (2016): Rund um die Uhr: Stechmücken im Schichtbetrieb. Menschenswetter Artikel 1406, online veröffentlicht am 22.07.2016.

Pingen, M. et al. (2016): Host Inflammatory Response to Mosquito Bites Enhances the Severity of Arbovirus Infection. Immunity 44 (6): 1455 - 1469. DOI: 10.1016/j.immuni.2016.06.002

Erstellt am 13. August 2016
Zuletzt aktualisiert am 14. Juni 2018

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