Keine Evidenz für Vitaminsubstitution

Vitamin D Therapie bei schmerzender Kniegelenksarthrose

von Holger Westermann

Viele Menschen mit fortgeschrittener Biographie klagen über Schmerzen im Knie. Jahrzehntelange Beanspruchung beschädigt den Gelenkknorpel so sehr, dass schmerzhafter Verschleiß mit mechanischer Funktionseinschränkung (Gonarthrose) auftritt. Bei einem Gutteil der Betroffenen wird ein chronischer Vitamin-D-Mangel festgestellt.

Die Gonarthrose ist die sukzessiv voranschreitende, nicht-entzündliche (nicht-rheumatische) Verschleiß des Knorpels im Kniegelenk. Zwischen 30 und 60% der über 60 Jahre alten Menschen in westlichen Industriegesellschaften leiden darunter. Mehr als 30% dieser Patienten müssen mit starken Bewegungsschmerzen leben. Als Ursachen gelten genetische Veranlagung, chronische Entzündungen und eine Gelenkfehlstellung sowie ein stark erhöhtes Körpergewicht (Adipositas).

Als weiterer Risikofaktor wird oftmals ein lang anhaltender Vitamin D-Mangel genannt, der als Ursache für den steten Knorpelverlust im Kniegelenk gilt. In klinischen Beobachtungsstudien fiel auf, dass ältere Menschen mit niedrigem Vitamin D-Spiegel häufiger unter Knieschmerzen litten, die auf Knorpelschäden zurückzuführen waren. Damit galt der Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und Arthrose als belegt, zumal Vitamin-D in den Knorpelstoffwechsel eingreift.

Die Option, mit Vitamin-D-Substitution weitere Knorpelschäden und damit die Eskalation der Gonarthrose zu vermeiden ist verlockend, da es derzeit noch keine wirksame Medikamenten-Therapie gegen Kniegelenkarthrose gibt. Für eine Studie wurden 413 Patienten (50 bis 79 Jahre alt) mit symptomatischen Gonarthrose und einem Vitamin D-Spiegel von 12,5 bis 60 nmol/l (normal sind 75 nmol/l = 30 ng/ml) über zwei Jahre monatlich mit einem Vitamin D3 (50.000 IE) oder einem Placebo behandelt. Als primäre Endpunkte (relevante Beurteilungskriterien) bestimmten die Forscher das Knorpelvolumen am Schienbein (größte Gelenkfläche im Knie) und die Verbesserung im WOMAC-Index*.

Zwei Jahre konsequente Vitamin-D-Substitution erreichten in keinem der beiden primären Endpunkte ein besseres Ergebnis als das Scheinmedikament. Dabei konnte durch die verbesserte Vitamin-D-Versorgung bei 4 von 5 Patienten in der Wirkstoffgruppe (79%) der Vitamin-D-Spielgel auf das empfohlene Normalniveau gehoben werden. Doch auf die Ausbreitung der Knorpelschäden und Funktionsbeeinträchtigung der Gelenke sowie die Schmerzbelastung der Patienten hatte das keinen Einfluss.

Eine Vitamin-D-Therapie zur Verhinderung oder Verzögerung einer Gonarthrose scheint zwar auf den ersten Blick plausibel, weckt aber bei evidenzorientierter Betrachtung wenig Hoffnung auf lindernde Wirkung.


(* WOMAC: Western Ontario and McMaster Universities Arthritis Index, erfragt von den Patienten die Schmerzbelastung und Funktionseinschränkung und errechnet daraus einen Indexwert)

Quellen:

Jin, X. et al. (2016): Effect of Vitamin D Supplementation on Tibial Cartilage Volume and Knee Pain Among Patients With Symptomatic Knee Osteoarthritis - A Randomized Clinical Trial. Journal oft the American Medical Association, JAMA 315 (10): 1005 - 1013. doi:10.1001/jama.2016.1961.

Erstellt am 30. März 2016
Zuletzt aktualisiert am 30. März 2016

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