Gut geschulte Ärzte verschreiben weniger Ritalin

Zappelphilipp beruhigt sich auch ohne Pillen

von Holger Westermann

Nach 20 Jahren steten Anstiegs stagniert in Deutschland der Verbrauch des zur Behandlung von ADHS zugelassenen Wirkstoffes Methylphenidat (MPH; Handelsname Ritalin) meldet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Doch immer noch werden allein in Deutschland jährlich mehr als 1,8 Tonnen (1.803kg) des Wirkstoffs verbraucht – in Pillenform ist die Arzneimittelmenge noch deutlich größer. Ein aktuelles Projekt der AOK Rheinland/Hamburg zeigt, wie zukünftig mit weniger Psychopharmaka ebenso gute Therapieergebnisse erzielt werden können.

Methylphenidat wirkt wie Amphetamine und Kokain. Es hemmt den Transport des Neurotransmitters Dopamin im Gehirn. Dadurch werden Müdigkeit und Hemmungen unterdrückt, kurzfristig steigt die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit. Überlastungssymptome werden ignoriert, bei körperlicher Belastung Schmerz und Erschöpfungsgefühl, bei geistiger Belastung Konzentrationsschwäche und Ermüdung. Zudem hemmt Methylphenidat den Appetit.

Die Wirkung von Ritalin bei Kindern mit einer echten Hyperaktivitätsstörung wird auf einen paradoxerweise beruhigenden Effekt der sonst an sich aufputschenden Wirksubstanz Methylphenidat zurück geführt. Sinkt der Dopamin-Spiegel im Gehirn, werden impulsive Aktionen (und Reaktionen) gedämpft. Es gelingt den Kindern besser still zu sitzen und sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren. Andererseits leidet ihre Emotionalität, sie sind weniger neugierig und seltener kreativ, sie empfinden kaum noch Bedürfnis nach menschlichen Bindungen.

In Deutschland und Österreich wird die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) oder hyperkinetisches Syndrom bei rund 4% der Kinder und Jugendlichen gestellt. Laut „Ärztereport 2013“ erhielten im Alter von elf Jahren 7% aller Jungen und 2% der Mädchen Ritalin. Dabei zeigten sich große regionale Unterschiede – Spitzenreiter ist die Region Würzburg (Bayern, Deutschland). Eine Untersuchung der Krankenkasse Barmer GEK vermutet, dass nicht die Psyche der Kinder, sondern vielmehr das Diagnoseverhalten der Ärzte für solch eklatante Effekte verantwortlich ist. Laut Barmer-Sprecher Kai Behrens liege "die Vermutung nahe, dass die Universitätsmedizin in Würzburg mit einem ADHS-Schwerpunkt, einige Kinderpsychiater sowie damit vernetzte oder dort fortgebildete Kinder- und Hausärzte für die überdurchschnittlichen Anteile bei Diagnosen und Verordnungen mit ursächlich sind".

Bei fehldiagnostizierten Kindern oder nicht betroffenen Erwachsenen wirkt Ritalin aufputschend und leistungssteigernd wie Kokain – und wird von neugierigen Schülern, lerneifrigen Studenten und Berufstätigen mit Karriereambitionen auch genau so verwendet. Insofern sichert das leichtfertige Verschreiben von Ritalin auch die Verfügbarkeit für missbräuchliche Verwendung. Ausgerechnet unter Medizin-Studenten ist dies offensichtlich bereits ein Massenphänomen. Eine Studie aus dem Jahr 2013 fasst die Ergebnisse englischer, spanischer und portugiesischer Forschungsarbeiten aus den Jahren 1990 bis 2012 zusammen und taxiert den Anteil von Ritalin-Dopern unter den angehenden Ärzten auf 3% bis 16% - ohne Unterschied zwischen den Geschlechtern. Dabei gab es in den Studien gar keinen Hinweis auf eine bessere Lern- oder Gedächtnisleistung aufgrund des Ritalin-Missbrauchs. Den Studenten kommt es nur so vor, als könnten sie ihre Lernleistung effektiv steigern.

Nicht zuletzt aufgrund diese Missbrauchspotentials, vorrangig aber um Kindern eine unnötige Ritalin-Therapie zu ersparen, initiierte die AOK Rheinland/Hamburg ein spezielles Versorgungsprogramms für Kinder und Jugendliche mit ADHS. „Die medikamentöse Behandlung von ADHS kann ein sinnvoller und wichtiger Therapiebaustein sein, sie sollte dabei aber immer multimodal erfolgen – also gemeinsam mit anderen Maßnahmen wie etwa Psychotherapie oder Elterntraining“, erläutert Matthias Mohrmann, Mitglied im Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg.

Rund 3.000 junge Patienten wurden im Rahmen diese Programms betreut. Im ersten Schritt erfolgte eine aufwändige und umfassende Untersuchung, denn eine eindeutig abgesicherte Diagnose ist Voraussetzung für eine angemessene Therapie. Gerade ADHS ist oftmals nur schwer von anderen psychischen Erkrankungen, aber auch von Entwicklungsverzögerungen abzugrenzen. Ist die Diagnose ADHS gesichert, erfolgt eine umfassende Beratung der Kinder und ihrer Eltern, wie man mit dieser Erkrankung leben kann. Daran sind Ärzte und Psychotherapeuten beteiligt. Ohnehin wird in diesem Programm der „sprechenden Medizin“ also dem ausgiebigen Gespräch mit den Patienten und ihren Eltern große Bedeutung zugebilligt. So gehören auch ein Elterntraining und eine Samstagssprechstunde beim Psychotherapeuten zum Versorgungsprogramm.

Die in das Programm eingebundenen Ärzte und Psychotherapeuten waren ausgewiesene ADHS-Experten und hatten sich zur permanenten Fortbildung verpflichtet. Der Erfolg des Programms ist offensichtlich. Benötigten zu Beginn noch 43% der jungen Patienten Ritalin, so waren es zwei Jahre später nur noch 32%. Auch dies ist immer noch eine sehr hohe Quote, doch jeder vierte Patient kommt nun ohne Ritalin aus. Zum Vergleich: In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich der Verbrauch deutschlandweit verdreifacht.

Quellen:

Weniger Ritalin-Verordnungen durch ADHS-Programm der AOK. Deutsches Ärzteblatt, online veröffentlicht am 25.04. 2014.

Finger, G. et al. (2013): Use of methylphenidate among medical students: a systematic review. Revista da Associação Médica Brasileira 59(3): 285-289. DOI: 10.1016/j.ramb.2012.10.007

Erstellt am 28. April 2014
Zuletzt aktualisiert am 28. April 2014

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