Bei Vollmond schlafen die Menschen schlechter als bei absoluter Dunkelheit

Einfluss der Mondphase auf die Schlafqualität

von Holger Westermann

Ein Schweizer Forscherteam hat die Daten einer älteren Schlafstudie noch einmal ausgewertet, um den Effekt des vom Mond reflektierten Sonnenlichts zu analysieren. Tatsächlich war die Schlafqualität bei Vollmond (maximale Helligkeit, bis zu 0,25 Lux) schlechter als bei Neumond (kein reflektiertes Sonnenlicht, 0,001 Lux). Da die Untersuchung im Schlaflabor durchgeführt wurde, konnte ein unmittelbarer Einfluss des vom Mond reflektierten Lichtes ausgeschlossen werden.

Die Schlafstudie wurde von 2000 bis 2003 an 33 gesunden Frauen und Männer unterschiedlichen Alters durchgeführt, die durchschnittlich 3,5 Tage im Schlaflabor verbrachten. Während des Schlafs, maßen die Forscher die Gehirnströme, die Augenbewegungen und den Hormonspiegel (Melatonin und Cortisol). Darüber hinaus wurde die absolute Schlafdauer, die Zeit bis zum Einschlafen und der Wechsel der Schlafphasen als Charakteristika der Schlafqualität bestimmt. Das Hormon Melatonin hat für die Untersuchung eine besondere Bedeutung. Es steuert (im Wechselspiel mit Serotonin) den Tag-Nacht-Rhythmus und reagiert auf Licht. Je niedriger die Umgebungshelligkeit ist, um so mehr Melatonin und um so weniger Serotonin wird gebildet. Helles Mondlicht könnte die Tageslänge physiologisch ausdehnen, indem es die Bildung des Schlafhormons Melatonin verzögert.

Die Wissenschaftler um Prof. Christian Cajochen (Universität Basel, Schweiz) haben festgestellt, dass sich bei den Studienteilnehmern unabhängig von Alter und Geschlecht sowohl die objektive als auch die subjektive Wahrnehmung der Schlafqualität mit den Mondphasen veränderte. Bei Vollmond wurden in den relevanten Hirnarealen 30% weniger Deltawellen gemessen, die den Tiefschlaf anzeigen. Während dieser Zeit brauchten die Versuchsteilnehmer durchschnittlich 5 min länger zum Einschlafen und schliefen pro Nacht 20 min weniger. In ihrer subjektiven Einschätzung beurteilten sie ihren Schlaf bei Vollmond als wenig erholsam. Die Forscher waren davon wenig überrascht, denn die Melatoninwerte blieben zu dieser Zeit durchweg unter dem Niveau des Monatsdurchschnitts.

Die nachträgliche Auswertung der Schlafstudie konnte jedoch nicht klären, warum selbst im Schlaflabor die Schlafqualität durch Mondphasen beeinflusst werden kann. Die experimentellen Bedingungen garantieren penibel, dass externe Einflüsse ausgeblendet werden. Prof. Cajochen vermutet einen „circalunare Rhythmus“ des Menschen. So ein, langfristig durch die Mondphasen getriggerten, wahrscheinlich über Hormonkonzentrationen gesteuerten, Wechsel im Verhalten oder biologischen Status könnte auch dann noch zuverlässig funktionieren, wenn die konkreten Reize eine zeitlang nicht präsent sind. Auch wenn kein direkter Kontakt zum Mondlicht besteht, beispielsweise im Labor, funktioniert der Taktgeber noch eine zeitlang einwandfrei. Wäre die Annahme von Prof. Cajochen korrekt, sollten Menschen erst dann einen Mond-Jetlag erleiden, wenn sie über einen längeren Zeitraum kein Mondlicht gesehen haben. Der „circalunare Rhythmus“ käme dann aus dem Takt und müsste neu justiert werden. Bisher sind solche Effekt noch nicht beschrieben worden.

Je weniger künstliche Lichtquellen die Nacht erhellen, um so deutlicher ist der Mondschein zu sehen und um so kräftiger könnte der Einfluss auf den Menschen wirken. Allein schon die normale Straßenbeleuchtung und Fahrradlicht sind mit 10 Lux rund 40-mal so hell wie ein Vollmond (0,25Lux). Diese Relation lässt die Wirkung des Mondlichtes auf die Steuerung des Hormonspiegels von Großstadtmenschen sehr unwahrscheinlich erscheinen.

Auch Prof. Cajochen ist in seinem Fazit nicht sicher, inwieweit sich der von seinem Team festgestellte Effekt auch außerhalb eines Schlaflabors mit seinen sorgsam kontrollierten Umgebungsbedingungen feststellen lässt.

 

Ergänzung am 30.07.2013:
Der Schlafforscher und Menschenswetter-Partnerarzt für Schlafstörungen und gestörten Schlaf Prof. Dr. Jürgen Zulley attestiert den Kollegen aus der Schweiz korrekte Ergebnisse, zweifelt aber an deren Bedeutung für die Schlafqualität. "Ob man nun fünf Minuten länger braucht zum Einschlafen, merkt man nicht" lässt er sich in einem Interview der Wochenzeitung Die Zeit zitieren. Auch 20 Minuten weniger Schlaf liege im normalen Bereich, der sich vom Zufall nicht trennen lasse. Die Studie sei gut durchgeführt, die Beobachtung statistisch signifikant. "Die praktische Relevanz kann man aber völlig vergessen."

Quellen:

Cajochen, C. et al. (2013): Evidence that the Lunar Cycle Influences Human Sleep. Current Biology, online veröffentlicht am 25. Juli 2013. doi: 10.1016/j.cub.2013.06.029

Stockrahm, S. (2013): Alle mondfühlig oder was? Die Zeit online, veröffentlicht am 25.07.2013

Erstellt am 29. Juli 2013
Zuletzt aktualisiert am 19. November 2015

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