Anämie provoziert oder verstärkt Herzerkrankungen

Blutarmut belastet betagte Herzpatienten

von Holger Westermann

Schon länger ist bekannt, dass gerade bei älteren Menschen, die unter Herzerkrankungen leiden, oft auch der Hämoglobingehalt des Blutes und damit die Fähigkeit zum Sauerstofftransport (Anämie) sehr niedrig ist. Besonders häufig treten Anämie und Herzschwäche (Herzinsuffizienz) gemeinsam auf. Typisch für diese Konstellation ist ein besonders schwerer Krankheitsverlauf mit nachhaltig hohen Gesundheitsrisiken.

Ärzte sprechen von einer Anämie, wenn die Konzentration der roten Blutkörperchen (Erythrozyten), der Hämatokritwert oder die Hämoglobinkonzentration unter einen bestimmten Grenzwert fällt. Diese Grenzwerte sind geschlechts- und altersspezifisch verschieden, bei Männern liegen sie in allen Altersstufen ein wenig höher als bei Frauen, bei schwangeren Frauen werden zumeist noch etwas niedrigere Werte als „normal“ akzeptiert.

Früher wurde das Vollblut noch schrittweise verdünnt, um dann an einem Ausstrich die einzelnen Erythrozyten zu zählen. Heute wird die Erythrozytenkonzentration in einem Automaten bestimmt (Impedanzprinzip). Für Männer gelten Werte unterhalb von 4,3 Millionen/µl (Anzahl pro Mikroliter = 10-6 Liter), bei Frauen 3,5 Millionen/µl.

Als Hämatokrit bezeichnet man den Volumenanteil der Zellen im Blut, neben den Erythozyten sind dies vor allem Leukozyten (weisse Blutkörperchen, Immunabwehr) und Thrombozyten (Blutplättchen, Blutgerinnung). Um den Hämatokritwert zu bestimmen wird das nicht geronnene Blut zentrifugiert. Dabei setzen sich die schweren Zellen am Boden ab und sind durch ihre rote Färbung gut sichtbar von dem flüssigen, zellfreien Blutplasma zu unterscheiden. Da die Erythrozyten rund 99% des zellulärem Niederschlags ausmachen, gibt das Volumenverhältnis zwischen trübem Niederschlag und klarem Überstand im Zentrifugengefäss einen ersten Hinweis auf eine mögliche Anämie. Hämatokritwerte von weniger als 36% bei Männern und 34% bei Frauen gelten als kritische Grenze.

Der Nachweis von Hämoglobin ist das heute am weitesten verbreitete Verfahren um eine Anämie zu diagnostizieren. Man kontrolliert damit unmittelbar die Fähigkeit des Blutes Sauerstoff zu transportieren, denn der bindet sich an das Hämoglobin. Hämoglobin ist eine komplexe Eiweißstruktur, die durch ein Eisenion zusammen und in Form gehalten wird. Nur in dieser eisenhaltigen Konfiguration (Eisen-II-Häm-Komplex) kann Hämoglobin Sauerstoff transportieren. So spricht man von einer Anämie wenn der Hämoglobingehalt des Blutes beim Mann weniger als 13,6 g/dl (Gramm pro Deziliter = 10-1 Liter) oder 8,5 mmol/l (Millimol = 10-3 Mol pro Liter) und bei der Frau weniger als 12 g/dl oder 7,5 mmol/l beträgt.


Herzprobleme entstehen bei einer Anämie, weil der Körper die schlechte Versorgung mit Sauerstoff ausgleichen will. Wird pro Liter Blut nur wenig Sauerstoff im Körper verteilt, muss eben das Blut zügiger zirkulieren, die Frequenz des Herzschlags steigt. Typisch ist der hektische „Mäusepuls“ bei jungen Mädchen mit blasser Haut, die ebenfalls oft unter einer leichten Anämie leiden. Bei älteren Menschen bleibt das Phänomen häufig unbemerkt, ein flotter Puls gilt sogar als positives Zeichen.
Doch sobald die Komfortzone verlassen wird und merkliche körperliche Anstrengung gefordert wird, geraten Betroffene sehr schnell an ihre Belastungsgrenze. Typische Symptome sind dann leichte Ermüdbarkeit, Kopfschmerzen aber auch Atemnot und Herz-Kreislauf-Probleme (Herzklopfen) bis hin zu Angina pectoris. Häufig sind die Menschen auch sehr wetterempfindlich. Insbesondere bei Kälte verstärkt sich das Frösteln. So fühlen sich Füße und Hände sowie Nasenspitze und Ohren innerlich kalt an. Das kann sehr leicht zu Muskelverkrampfungen führen, die an sich schon sehr schmerzhaft sein können, zudem aber auch die Symptome von Arthrose, Rheuma und Fibromyalgie verstärken können. Bei körperlich belastenden Wetterlagen, beispielsweise Schwüle, ermüden Menschen mit einer Anämie bei körperlicher oder geistiger Anstrengung extrem schnell, Übelkeit, Ohnmacht (Synkopen), Schlaflosigkeit, Konzentrationsprobleme sind häufige Symptome.

Bleibt die Anämie unerkannt und damit auch unbehandelt, kann der Sauerstofftransport des Blutes so weit absinken, dass bei vorgeschädigten Organen eine kritische Schwelle unterschritten wird. Besonders bedrohlich ist die Unterversorgung des Herzens. Eine koronare Herzkrankheit (KHK) mit nur geringfügig verengten Herzkranzgefäßen kann sich durch eine Anämie dramatisch verstärken. Der Herzmuskel wird unzureichend mit Sauerstoff versorgt, muss aber gleichzeitig Höchstleistung erbringen, um den hohen Puls zu halten. So ist Anämie eine der häufigsten Ursachen für eine chronisch verstärkte Pumpleistung des Herzens (Herzminutenvolumen), mit der Folge von Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und Herzhypertrophie (Herzvergrößerung, Sportlerherz). Die Wahrscheinlichkeit eines Infarktes steigt dadurch um das 3-6-fache, das Risiko daran zu sterben um das 4-fache.

Bei vielen älteren Menschen mit einer Arteriosklerose (Arterienverkalkung) der hirnversorgenden Blutgefäße kann bei einer unbemerkten Anämie vor allem nachts die Sauerstoffversorgung des Gehirns so weit absinken, dass neurologische Störungen, beispielsweise Verwirrtheit oder Erinnerungslücken, auftreten. Eine Fehldiagnose als Demenz ist zu befürchten.

Unter älteren Menschen ist Anämie weit verbreitet, eine aktuelle Studie beziffert deren Anteil an der Bevölkerung (Prävalenzrate) auf bis zu 40%, je nach untersuchter Lebensalter-Klassifizierung. Zwar ist Anämie keine typische Alterserscheinung, doch sammeln sich mit dem Fortschritt der Biographie immer mehr Gesundheitsrisiken, die mit einer Anämie in verstärkende Wechselwirkung treten können. Die Autoren der Studie fordern deshalb größeres Augenmerk der Ärzte auf die Anämie im Alter. Ideal wäre eine eigens formulierte Leitlinie, an der sich alle Ärzte, vor Ort in der Praxis und in den Kliniken, orientieren könnten.

Quellen:

Röhrig, G. et al. (2012): Anämie und Eisenmangel in der Geriatrie – Prävalenz, Diagnostik und neue Therapieoptionen. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 45(3): 191-196. doi: 10.1007/s00391-012-0320-8

Röhrig, G.; Schulz, R.J. (2013): Anämie im Alter. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 46(2): 167-176. doi: 10.1007/s00391-012-0453-9

Erratum zu: Anämie im Alter. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 46(3): 259. doi: 10.1007/s00391-013-0501-0

Erstellt am 28. Juni 2013
Zuletzt aktualisiert am 8. Juli 2013

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