Medizin

Pflanzliche Antidepressiva sind besser als chemische, weil der Patient ihnen vertraut

von Holger Westermann

Gerade bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen ist eine hohe Therapietreue der Patienten entscheidend für den Erfolg der medizinischen Behandlung. Die Wiener Arbeitsgruppe um Prof. DDr h.c. Dr. Siegfried Kasper interessierte sich daher für einen der Hauptrisikofaktoren für die Therapietreue der Patienten mit einer „major depression“, die Nebenwirkungen der Medikamente.

Sind nachweislich wirksame pflanzliche Arzneimittel (sog. Phytopharmaka) den chemischen wohlmöglich deshalb überlegen, weil die Patienten weniger häufig die Einnahme der Medikamente „vergessen“? Die dadurch entstehenden Therapielücken können gerade bei Menschen mit einer Depression fatale Folgen haben. Die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall (sog. Rezidiv) nimmt zu. Deshalb ist Therapietreue (Compliance) ein wichtiges Therapieziel.

Die Vorteile moderner Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (engl. selective serotonin reuptake inhibitor, SSRI) liegen auf der Hand, der Wirkmechanismus ist gut bekannt und die Medikamente lassen sich kontrolliert dosieren. Der behandelnde Arzt kann den Patienten optimal einstellen. Doch wo Licht ist da ist auch Schatten. Die SSRI weisen erhebliche Nebenwirkungen auf. Die Patienten klagen über Appetitlosigkeit, Übelkeit bis hin zu Erbrechen und Durchfall aber auch Schlafstörungen. Neben diesen unmittelbaren unerwünschten Wirkungen der SSRI treten bei einer lang andauernden Therapie Symptome einer emotionalen Abstumpfung auf. Die Patienten geht das tiefe Empfinden verloren: Ärger, Trauer aber auch sexuelles Begehren werden nicht mehr so intensiv empfunden wie vor der Therapie.

Auch Phytopharmaka auf Basis von Johanniskraut-Extrakten provozieren unerwünschte Wirkungen. So können Magen- und Darmbeschwerden auftreten, in seltenen Fällen auch Kopfschmerzen. Am wichtigsten ist jedoch die phototoxischen Reaktion der Haut, die Empfindlichkeit gegenüber UV-Strahlung im Sonnenlicht nimmt zu. Für Menschen, die Johanniskraut-Präparate über einen längeren Zeitraum einnehmen sind Sonnenbäder oder der Besuch eines Sonnenstudios tabu.

Die Forschergruppe der Medizinischen Universität Wien hat die Daten von 1.661 Patienten mit Depression ausgewertet. Mit Johanniskraut-Präparaten wurden 1.264 Patienten therapiert, 126 Patienten erhielten einen SSRI, 271 Patienten dienten als Kontrollgruppen und bekamen ein Scheinmedikament (Placebo). Ein Vergleich der protokollierten Nebenwirkungen über einen durchschnittlichen Therapiezeitraum von sechs Wochen zeigte, dass sich mehr als drei Viertel der SSRI-Patienten über die typischen Symptome beklagten, während bei den Phytopharmaka-Patienten weniger als ein Drittel betroffen war. Interessant ist dabei, dass ein größerer Anteil der Placebo-Patienten an Nebenwirkungen litt als bei den Patienten die Johanniskraut-Präparate eingenommen hatten.

Das Fazit der Wiener Wissenschaftler ist eindeutig: Für leichte und mittelschwere Depressionen ist eine Therapie mit Johanniskraut-Präparaten eine empfehlenswerte Alternative. Aufgrund der im Vergleich zu SSRI geringeren Nebenwirkungen ist eine höhere Compliance der Patenten und damit ein besser Erfolg der Therapie zu erwarten.

Quellen: Kasper, S. et al. (2010): Better tolerability of St. John’s wort extract WS 5570 compared to treatment with SSRIs: a reanalysis of data from controlled clinical trials in acute major depression. Intern. clinical psychopharmacol. 07/2010; 25 (4): 204-2013

Erstellt am 8. September 2011
Zuletzt aktualisiert am 8. September 2011

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