Wetter

Frühwinterwetter bereits im Spätherbst

von Holger Westermann

Bis zur Wintersonnenwende am 21. Dezember ist immer noch Herbst, auch wenn die Mehrzahl der Menschen hierzulande zumindest die Adventszeit bereits dem gefühlten Winter zurechnet. Heuer (in diesem Jahr) dürfen sich die Voreiligen bestätigt fühlen - vielerorts ist es derzeit winterlich kalt und die Landschaften gebietsweise schneebedeckt.

Lange blockierte ein solider Hochdruckriegel von Grönland bis zu den Alpen die Passage von Tiefdruckgebieten vom Atlantik über Europa hinweg. Damit unterblieb die vertikale Verwirbelung der Atmosphäre und die bodennahen Luftschicht konnten während der inzwischen sehr langen Nächte auskühlen. Diese trockene Kälte wirkt nachhaltiger auf die Bodentemperatur als regenfeuchte Abkühlung, die von Menschen als besonders unangenehm empfunden wird.

Menschen registrieren den Verlust von Körperwärme als „kalt“. Daher verstärken Wind und hohe Luftfeuchte das Kälteempfinden; der selbe Thermometerwert gilt bei Flaute und kältetrockener Luft als durchaus angenehm. Beim Boden sorgt eindringender Regen dafür, dass Wärme aus tieferen Schichten bis an die Oberfläche gelangt - die Wärme verteilt sich gleichmäßig. Dieses Phänomen nennt man Bodenwärmestrom. Trockener Boden kühlt dagegen sehr rasch oberflächlich aus, die kalte Luft darin ist eine hervorragende Wärmeisolation. Schneit es, bleibt der Schnee liegen. Auf gut durchfeuchtetem Boden würde er schmelzen.

Der vertikale Temperaturausgleich durch den Bodenwärmestrom reduziert die Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht aufgrund von Sonneneinstrahlung und Wärmeabstrahlung. Die Differenz ist bei wolkenlosem Himmel und sternklarer Nacht maximal, unter eine Wolkendecke dagegen gering. Eine Schneedecke über der Landschaft nivelliert die Schwankungen der Oberflächentemperatur des Bodens auf nahe Null. Bei langen Frostperioden sitzt der Frost teilweise tief im Boden, sodass selbst bei einer Milderung der Luft und der oberen Bodenschichten aus der Tiefe weiter eine kühlende Komponente wirkt. Genauso kann ein sehr warmer Herbst die Bildung von Schneedecken oder Reif bzw. gefrierende Nässe ausbremsen.

In diesem Jahr herrschten in Mitteleuropa genau diese Verhältnisse mit einem überdurchschnittlich milden Oktober und November. Ende November betrug die Bodentemperatur in 20 cm Tiefe noch 4 bis 10°C. Infolgedessen konnte bei gut durchfeuchtetem Boden kaum Schnee liegen bleiben und sich nur in Senken (Kälteseen) Reif bilden. Auch die bei Autofahrern gefürchtete „gefrierende Nässe“ war zu Beginn des Monats ein seltenes, örtlich begrenztes Phänomen der Mittelgebirge oder Alpen.

Inzwischen hat sich das Bild gewandelt: Fast überall liegen die Bodenwerte in 20 cm zwischen 1 und 6°C und in 5 cm nur noch 0 bis 4°C. Die deutliche Abkühlung der oberen Bodenschichten ermöglicht jetzt im Spätherbst den „gefühlten Winter“ mit weiträumiger Schneedecke, Reif und Gatteis. Auch wenn nach der ersten Winterwetterperiode wieder vorübergehend Tauwetter einsetzt - diesmal hat Mitteleuropa nach vielen milden Jahren wieder einmal die Chance auf einen Bilderbuchwinter.

Auch wetterempfindliche Menschen können sich darüber freuen. Einige sollten aber vorsichtig sein, wenn sie unmittelbar mit dem Winterwetter in Kontakt kommen. Besonders gefährdet sind Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere Angina pectoris. Ein markanter Kältereiz verengt die Adern und führt zu einem steilen Anstieg des Blutdrucks. Wer jetzt eine gut gefüllte Schneeschaufel wuchtet riskiert einen Infarkt. Die letzten Jahre waren so schneearm, dass dieses Szenario hypothetisch blieb; heuer ist es ein reales Risiko. Weniger dramatisch, dafür mit lang anhaltenden Folgen kann die selbe Szene für Menschen mit Veranlagung zu Muskelverkrampfungen oder Rückenbeschwerden ausgehen. Etwas weniger sportlicher Ehrgeiz beim Weg freischaufeln kann schmerzhafte Erfahrungen vermeiden. Andererseits ist moderater Sport an der frischen kalten Luft ideales Training für Fitness und Immunsystem, bei Sonnenschein profitiert auch das Gemüt vom hellen Licht der schneebedeckten Landschaft. Wobei man „moderat“ jetzt besonders defensiv definieren sollte - wo Schnee und Eis die Wege rutschig machen, ist spazieren klüger als walken und joggen.

Quellen:

Dipl.-Met. Lars Kirchhübel: Die Wetterküche stellt auf Winter um! Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 07.12. 2022

 

Dipl.-Met. Martin Jonas: Grenzwetterlage. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 12.12. 2022

Erstellt am 14. Dezember 2022
Zuletzt aktualisiert am 14. Dezember 2022

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