Wetter

Tagesgang der Temperatur

von Holger Westermann

Die Tageshöchsttemperatur wird im Sommer hierzulande erst am frühen Abend erreicht, lange nach dem Tageshöchststand der Sonne um etwa 13:00 Uhr. Nicht der Zeitpunkt maximaler Sonneneinstrahlung, sondern die Summe der vom Boden gespeicherten Wärme bewirkt die Temperatur der Luftschicht auf Körperhöhe.

Das Tagesmaximum der Lufttemperatur wird meist erst gegen 18 Uhr erreicht, obwohl die Sonnenstrahlung schon zur Mittagszeit (ca. 13:00 Uhr Sommerzeit) die maximale Intensität erreicht. Wenn die Sonnen die höchste Position am Himmel passiert ist der Weg für die Strahlung durch die Atmosphäre am kürzesten und sie wird am wenigsten gestreut oder durch Verunreinigung der Luft absorbiert. Für die Menschen ist dann das Risiko für einen Sonnenbrand am größten.

Doch die Temperatur steigt auch danach noch weiter an - und zwar so lange die eingestrahlte Wärme größer ist als die ins Weltall wieder zurückgestrahlte. Gerade im Sommer ist die Bilanz auch am späten Nachmittag noch positiv. Erst gegen Abend steht die Sonne so tief am Himmel, dass auf dem Weg durch die Atmosphäre viel Wärmestrahlung verloren geht, sodass dann die Rückstrahlung überwiegt. Gerade jetzt in einem regenreichen Hochsommer kann man den Effekt gut beobachten. Über den feuchten Böden wird die tagsüber erwärmte Luft maximal mit Wasserdampf gesättigt. Sinkt abends die Temperatur, kondensiert der Dampf zu feinen Wassertröpfchen, die als Dunst oder Tau sichtbar werden - oder durch Schwüle spürbar.

Dasselbe Phänomen mit umgekehrtem Vorzeichen garantiert die Tagestiefsttemperatur am frühen Morgen kurz nach Sonnenaufgang. Besonders nach einer windschwachen und sternklaren Nacht summiert sich die Abstrahlung ins Weltall (dort ist es rund -270°C kalt; insofern ist der Kälterekord von -89°C auf der Erde immer noch vergleichsweise warm) bis die Sonnenstrahlung wieder wärmend wirksam wird. Doch prinzipiell können Tagesmaximum und Tagesminimum der Temperatur zu jeder Tageszeit auftreten, denn die Sonnenstrahlung ist nur ein Parameter, der andere ist die Temperatur der vorherrschenden Luftmasse. Hierzulande in Mitteleuropa ist die Atmosphäre durch eine hohe horizontale Dynamik geprägt. Von West nach Ost durchziehende Tiefdruckgebiete führen mit ihrer Luftströmung entgegen dem Uhrzeigersinn um das Zentrum zunächst Warmluft aus der Mittelmeerregion oder sogar Afrika heran (Warmfront) und anschließend strömt über die Britische See und die Nordsee Polarluft ein. Die Luft aus Süden hatte sich über der Sahara erhitzt, die kalte Luft konserviert die Temperatur aus Grönland oder Nordrussland und wird über der Nord- oder Ostsee nur wenig erwärmt und mit Feuchtigkeit angereichert. Je nachdem wann Mitteleuropa an der warmen Vorderseite oder auf der kühlen Rückseite des durchziehenden Tiefs liegt, kann die Lufttemperatur auch nachts besonders hoch und tagsüber sehr kühl sein.

Sonnenschein ist aber in jedem Fall ein Garant für gefühlte Wärme - selbst wenn das Thermometer aufgrund von Kaltlufteinstrom unter 20°C verharren sollte, das Gemüt profitiert von Licht und Strahlungswärme.

Quellen:

Dipl.-Met. Tobias Reinartz: Vom Verlauf der Temperatur oder: Ab in die Badewanne! Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 29.06.2021

Erstellt am 20. Juli 2021
Zuletzt aktualisiert am 20. Juli 2021

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