Rollenspiel zum Arzt-Patienten-Vertrauen

Kommunizierter Placeboeffekt

von Holger Westermann

Wenn ein Medikament ohne Wirkstoff positiv auf das Wohlbefinden wirkt, widerspricht das der naturwissenschaftlichen Erwartung. Gut belegt ist, dass dieser Placeboeffekt von der Hoffnung des Patienten getragen wird. Aber offensichtlich ist auch die Überzeugung des Arztes ein wichtiger Faktor beim Placeboeffekt.

Um die Bedeutung der Meinung des Arztes über die Wirksamkeit eines Medikamentes zu untersuchten, inszenierten Forscher am Dartmouth College (Hanover, New Hampshire, USA) ein Rollenspiel mit 194 Freiwilligen (Studenten): „Arzt und Patient“. Zunächst wurden die „Ärzte“ geschult, indem sie über eine Elektrode auf der Haut einem kontrollierten Hitzereiz (47°C) ausgesetzt wurden. Danach erlebten sie wie beim Folgeversuch wie die Creme „Thermedol“ den Schmerz linderte - dabei war die Creme ein Placebo und das reduzierte Schmerzerleben beruhte schlicht darauf, dass die Elektrode weniger heiß wurde.

Mit dieser Erfahrung „therapierten“ diese „Ärzte“ nun ihre „Patienten“ mit dem vermeintlich wirksamen „Thermadol“ und einer als Placebo klassifizierten Creme. Während dieses Pseudo-Placebo-Experiments wurde die Mimik der Teilnehmer gefilmt und der akute Stress durch die Leitfähigkeit der Haut gemessen (Wie bei einem Lügendetektor). Die Patientendarsteller bekamen zweimal weiße Salbe*, doch nur bei einer spürten sie effektive Schmerzlinderung.

Offensichtlich weil die Menschen in der Arztrolle glaubten, dass genau diese wirken müsse. Das ist das Ergebnis der Analyse ihrer Aussagen, des Gesichtsausdrucks und der Stressreaktion. Zudem bewerteten die „Patienten“ die „Ärzte“ als aufmerksamer und empathischer, wenn sie „Thermedol“ auftrugen. Die Überzeugung zur Wirksamkeit der Salbe übertrug sich durch subtile Signale vom Arzt auf den Patienten.

„Ob dies nur das Selbstvertrauen der Patienten stärkt, Informationen darüber vermittelt, was sie zu erwarten haben, die Ärzte einfühlsamer gegenüber der vermeintlich realen Behandlung macht oder eine andere Auswirkung hat, wissen wir nicht“, erklären die Forscher in ihrem Fazit den kommunizierten Placeboeffekt. „Aber wir wissen jetzt, dass subtile Hinweise von Ärzten übermittelt und von Patienten gelesen werden.“

Aus Perspektive der Patienten lässt sich zweierlei daraus lernen:

  1. Nur Doppelblindstudien, bei denen weder der Patient noch der Arzt weiß, ob ein Placebo oder ein Medikament mit Wirkstoff verabreicht wurde, taugen als Arzneimitteltest
  2. Ist der Arzt von der Therapie überzeugt, kann der Patient vom Placeboeffekt als zusätzlicher Wirkung profitieren. Insofern gilt es den richtigen Arzt zu wählen; man erkennt ihn an seiner überzeugenden Kommunikation und einfühlsamen Aufmerksamkeit.



*) Als „weiße Salbe“ bezeichnet man in der Medizin eine als Placebo aufgetragene Hautcreme, die insbesondere bei Kindern Beruhigung und Linderung bewirken soll. Als Metapher bezeichnet der Begriff wirkungslose Symbolpolitik.

Quellen:

Chen, P.-H. A. et al. (2019): Socially transmitted placebo effects. Nature Human Behaviour 3: 1295 – 1305. DOI: 10.1038/s41562-019-0749-5.

Erstellt am 22. Februar 2021
Zuletzt aktualisiert am 22. Februar 2021

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