Beurteilung der eigenen Schlafqualität

Überschätzte Schlaflosigkeit

von Holger Westermann

Morgens übermüdet im Bett liegen mit der Gewissheit „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan“. Dieses Gefühl plagt viele Menschen mit quälender Regelmäßigkeit. Doch zumeist trügt das Empfinden. Die tatsächliche Schlafdauer war in den meisten Fällen kaum kürzer als während einer als erholsam empfundenen Nachtruhe.

Bis zum nächsten Morgen durchschlafen ist der Wunsch beim Zubettgehen, doch das wird kaum jemandem gelingen. Denn es ist ganz normal, dass man nachts mehrmals aufwacht - um dann gleich wieder einzuschlafen. Diese Episoden sind so kurz, dass man sich am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnert. Nur wenn Harndrang zum Aufstehen zwingt oder helles Licht die Aufmerksamkeit stärker stimuliert (Vollmondnächte), wenn Schmerzen wach halten oder andere Maläsen plagen, dehnen sich diese Wachphasen so lang, dass man bewusst wach wird. Die empfundene Schlafstörung ist meist eine Wiedereinschlafstörung.

Schlechte Schlafqualität kann das Wohlbefinden des folgenden Tages erheblich beeinträchtigen. Tritt die Störung mehrere Nächte nacheinander auf, verstärken sich negativen Effekte und zur Müdigkeit am Tag treten dann Konzentrationsprobleme, neurologische Störungen aber auch Herz-Kreislaufprobleme. Erzwungener Schlafentzug gilt als besonders rabiate Form, Mitmenschen zu schikanieren.

In einem Experiment mit Schlaflaborbeobachtung (300 Personen; davon rund 75% mit Schlafstörungen unterschiedlicher Form) konnten Forscher der Medizinischen Universität Wien (Österreich) nun zeigen, dass Menschen, die über Probleme beim Einschlafen oder Durchschlafen klagen (Insomnie), ihre Schlafqualität und Schlafdauer unterschätzen. So war die tatsächliche Schlafdauer durchschnittlich 46 Minuten länger als es die Probanden vermutet hatten; im Einzelfall sogar mehr als vier Stunden. Und die Zeit bis zum Einschlafen wurde von dieser Probandengruppe erheblich überschätzt. „Ich lag stundenlang wach“ unterschlägt zumeist die erste Schlafphase.

Ein ganz anderes Bild ergab sich bei Menschen, deren Schlafprobleme auf Schlafwandeln (Parasomnie) und Atemstörungen (Apnoe) zurückgehen. Diese Patientengruppe überschätzte zumeist die Schlafdauer um 25 Minuten. Insofern erstaunt es nicht, dass diese Menschen oft über Müdigkeit am Tag klagen, obwohl sie glauben, ausreichend geschlafen zu haben.

Zuverlässig ist das subjektive Bemessen der Schlafdauer nicht. Und die Nächte sind sehr selten, in denen man ohne gravierenden Grund sehr lange wach im Bett liegt - und eigentlich schlafen möchte.

Quellen:

Trimmel, K. et al. (2021): The (mis)perception of sleep: factors influencing the discrepancy between self-reported and objective sleep parameters. Journal of Clinical Sleep Medicine, online veröffentlicht 02.01.2021. DOI: 10.5664/jcsm.9086

Erstellt am 16. Februar 2021
Zuletzt aktualisiert am 16. Februar 2021

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