Wetter

Flexible Luftmassengrenze

von Holger Westermann

Schnee oder Regen, derzeit ist das Wetter über Mitteleuropa in einen kalten Nordosten und einen milden Südwesten getrennt. Dazwischen liegt eine Temperaturdifferenz von rund 10°C. Die Grenze ist flexibel und verschiebt sich, je nach Veränderung der Lage und Stärke von Tiefdruckgebieten über dem Balkan und dem Azorenhoch, das sich auf dem Atlantik bis zu den Britischen Inseln reckt - und einem kleinen Tief genau über Deutschland.

Im Norden schneit es von Friesland bis nach Sachsen. Die horizontale Schneefallgrenze (im Gegensatz zur vertikalen, die in Höhenmetern angegeben werden kann) verschiebt sich dann langsam südwestwärts und verebbt. Im Nordosten, wo die Kaltluft liegen bleibt, überdauert auch der Schnee. Im Südwesten ist der Boden dafür vielerorts zu warm. Dann folgt ein deutlich spürbarer Warmluftvorstoß aus Westen und Süden; die Luft erwärmt sich bis zu 14°C und prallt in dynamischer Bewegung auf das Kaltluftpolster im Norden und Osten. Entlang der Luftmassenkollisionslinie regnet und schneit es heftig; aufgrund der enormen Temperaturgegensätze auf engem Raum fällt auch Regen durch bodennahe Frostluft oder auf gefrorenen Boden und es bildet sich Eis oder sogar Blitzeis.

Im Anschluß an diese vorwärts-rückwärts-Bewegung der Luftmassengrenze drängt (zum ersten Februarwochenende) aus Osten und Norden wieder Kaltluft nach Mitteleuropa. Wie weit dieser Vorstoß voran kommen wird, ist schwer zu prognostizieren. In der Vorwärtsbewegung markiert die Front eine scharfe Linie, sobald die Dynamik abebbt oder zum Stillstand kommt entsteht eine breitere Durchmischungszone mit regnerischem Wetter. Dahinter aber herrscht Frost, eventuell auch über mehrere Tage Dauerfrost. Dort fällt jeder weitere Niederschlag als Schnee.

Einige Vorhersagen sehen die Luftmassengrenze quer über Mitteleuropa, andere verschieben sie bis nach Frankreich und in die Schweiz hinein. Dann lägen ganz Deutschland und weite Teile Österreichs unter der polaren Kaltluft aus Skandinavien, Finnland und Nordrussland. Unter diesen Bedingungen kann der Thermometerwert über mehrere Tage frühmorgens auf -5 bis -10°C fallen; tagsüber verharrt er fast flächendeckend unter 0°C. Währenddessen sinkt die gefühlte Temperatur vielerorts noch tiefer; die Belastung für die Gesundheit ist höher als man aufgrund der Temperaturangabe vermutet.

Menschen mit hohem Infarktrisiko sollten dann aufs frühmorgendliche Schneeschippen verzichten, denn dabei summieren sich Effekte für ansteigenden Blutdruck:
Beim Aufwachen fährt der Kreislauf hoch und der Blutdruck steigt an;
wissend, daß man der Räumpflicht jetzt sofort nachkommen muss, lässt der Blick auf den verschneiten Gehweg den Blutdruck weiter ansteigen;
nach dem Schritt vor die Haustür wirkt  ein akuter Kältereiz durch den sich die Adern zusammenziehen und infolgedessen steigt der Blutdruck noch höher;
die Kraftanstrengung beim Schippen verstärkt den Effekt und treibt den Blutdruck auf Maximalwerte

Auf der anderen Seite kann man in der anhaltenden Kältephase nicht darauf hoffen, dass der nächste Warmlufteinstrom den rutschigen Belag alsbald vom Gehweg schmilzt. Aber es muss ja nicht unbedingt direkt nach dem Aufwachen geschippt werden und gegen den Kältereiz wirkt wärmende Kleidung - so lange man nicht übermäßig ins Schwitzen kommt. ansonsten ist so ein „richtiger Winter“ mit Frost, Dauerkälte und Schnee inzwischen zwar ungewohnt, aber durchaus attraktiv.

Quellen:

M.Sc. Felix Dietzsch: Kampf der Luftmassen ante portas. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 28.01.2021

Eine Wetterlage für's Meteorologenherz. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 29.01.2021

Dipl.-Met. Lars Kirchhübel: Deutschland bleibt Spielfeld der Luftmassengrenze! Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 30.01.2021

Erstellt am 1. Februar 2021
Zuletzt aktualisiert am 1. Februar 2021

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