Geistige Anregung und Gemeinschaftsgefühl

Interesse an Kultur verlängert die Biographie

von Holger Westermann

Der Besuch von Galerien, Museen, Theater und Konzerthallen förderte Wohlbefinden, Gesundheit und ein langes Leben - nicht nur, weil der Kulturgenuss einen agilen Geist und zumindest leidlich belastbaren Körper voraussetzt. Und deshalb vorwiegend rüstige Senioren kulturbeflissen sind. Offensichtlich wirken die vermittelte Inspiration und die soziale Integration auch positiv auf Psyche und Fitness.

Bislang ist es lediglich eine Korrelation: Kulturinteressierte Senioren leben bei besserer Gesundheit länger als ihre Altersgenossen ohne Faible fürs Kulturelle. Das ist das Ergebnis einer 14-jährigen Langzeitstudie an 6.710 Frauen und Männern ab 50 Jahren aus Großbritannien (53.6% Frauen, Durchschnittsalter zu Beginn knapp 66 Jahre).* Während des Beobachtungszeitraums (durchschnittlich 12 Jahre) starben 2.001 Personen (fast 30%).

Dabei zeigte sich, dass Menschen, die mehrmals im Jahr kulturelle Veranstaltungen besuchten, ein um 31% geringeres Mortalitätsrisiko repräsentierten als Kulturmuffel. Bei lediglich ein bis zwei Kulturevents pro Jahr betrug der Vorteil immer noch 14%. Dieser Effekt zeigte sich robust gegenüber biologischem Geschlecht, sozialem Status, Bildungsniveau, körperliche Grundfitness und psychischer Gesundheit. All diese Faktoren für alternative Erklärungen konnten herausgerechnet werden, der Kultureffekt blieb erhalten.

Ob allerdings der Besuch von Kulturveranstaltungen an sich als kurzfristig wirksamer Effekt oder ein seit Jahrzehnten gepflegter kulturbeflissener Lebensstil hier Wirkung zeigt, konnte mit dieser Art von wissenschaftlicher Untersuchung nicht festgestellt werden. Hier wurden Korrelationen (gleichförmige Entwicklungen) und nicht Kausalitäten (Ursache-Wirkung-Beziehungen) analysiert.

Es wäre vorstellbar, dass Interesse an Kultur(veranstaltungen) Stress vertreibt, die psychische Gesundheit stärkt, vor Depressivität schützt und Schmerzempfinden lindert - dass es das Krankheitsempfinden reduziert und damit das Wohlbefinden anhebt. Die allgemein besser empfundene Gesundheit motiviert auch in hohem Alter zu mehr körperlicher Aktivität - und steigert so die Lebenserwartung. Ein weiterer Aspekt ist die soziale Einbindung beim Besuch kultureller Veranstaltung. Man ist Teil einer Interessengemeinschaft, die sich zu regelmäßigen Anlässen trifft und sich oft dafür auch festlich kleidet. So wird aus dem zweistündigen Event eine tagesfüllendes Ereignis, das über die Vorfreude und die Vorbereitung, den Kunstgenuss mit anschließender sozial eingebettetem Ausklang reicht.

Die Forscher sind sich sicher, dass gerade für Senioren solche Kulturveranstaltungen einen ähnlich positiven Effekt haben wie der Ausdauersport für jüngere Menschen: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es wichtig ist, den Einfluss von sozialen Einflussfaktoren auf unsere Gesundheit genauer zu untersuchen.“


*) Solche umfangreichen Studien, die Befragungen, soziale und demographische Daten mit Gesundheitsdaten kombinieren sind in staatlichen Gesundheitswesen wie in Skandinavien oder Großbritannien eher möglich als in Österreich oder Deutschland.

Quellen:

Fancourt, D.; Steptoe, A. (2019): The art of life and death: 14 year follow-up analyses of associations between arts engagement and mortality in the English Longitudinal Study of Ageing. British Medical Journal, BMJ 367: l6377. DOI: 10.1136/bmj.16377

Erstellt am 16. November 2020
Zuletzt aktualisiert am 16. November 2020

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