In glücklichen Partnerschaften senkt der vertraute Geruch körperliche Stressreaktionen

Ich kann Dich nicht riechen

von Holger Westermann

Damit kann zweierlei, inzwischen dreierlei gemeint sein: ein ästhetisches Missvergnügen „Ich mag Deinen Duft nicht“ oder gar ein sozial distanzierendes „Du stinkst mir“, neuerdings auch eine olfaktorische Minderleistung als Symptom der Covid-19-Erkrankung. Nichts davon ist wünschenswert, denn in glücklichen Partnerschaften wird der vertraute Körpergeruch als sexy empfunden und senkt Stress - und eine schwere Infektionskrankheit wünscht man noch nicht einmal langjährigen Lebenspartnern.

Wenn Liebespaare gegenseitig den natürliche Körperduft als angenehm empfinden ist die Beziehung glücklich und stabil - so könnte man das Fazit einer kleinen schwedischen Studie formulieren. Dazu wurde nicht nur das subjektive Urteil abgefragt, sondern auch die Körperreaktionen gemessen. In stabilen Paarbeziehungen sank bei den Frauen der Stresslevel, wenn sie ein Duftprobe des Mannes schnuppern konnten. Die Forscher vermuten, dass dies durch das Vertrauen auf Unterstützung in schwierigen, stressauslösenden Situationen motiviert ist. Der durch den Duft als nah empfundene Partner vermittelt Sicherheit. Geprüft wurde diese Reaktion an 34 weiblichen heterosexuellen Testpersonen (Durchschnittsalter 23 Jahre), die seit zumindest vier Monaten (im Mittel 40 Monate) in einer festen Beziehung lebten.

Prüft man die Wirkung vom „Duft der Frauen*“ auf Männer, fällt eine Schwankung der Sensibilität mit dem Hormonspiegel auf. Es sind jedoch die Hormone der Frauen, die bei den Männern wechselhafte Wirkung provozieren. Je höher der Östradiol-Spiegel und je niedriger der Progesteron-Spiegel, desto attraktiver, desto stimulierender wirkte der weibliche Körpergeruch auf die Männer. Für die kleine Studie wurden Duftproben von 28 Frauen von 50 Männern beurteilt. Die Forscher interpretieren das Ergebnis ihrer Studie als unbewusste Sensibilität der Männer für den Reproduktionsstatus der Frauen: „Da Östradiol- und Progesteron-Spiegel als Hinweise auf die reproduktive Gesundheit und Fruchtbarkeit gesehen werden können, gehen wir davon aus, dass Körpergerüche als verlässliche Hinweise auf die reproduktive Fitness** einer Frau dienen.”

Auswirkungen auf die Partnerschaft durch einen dauerhaften oder vorübergehenden Verlustes des Riechvermögens können noch nicht beurteilt werden. Erst als Symptom der Covid-19-Erkrankung trat dieses Phänomen hinreichend häufig auf. Doch es gibt Menschen, deren Geruchssinn von Geburt an stark eingeschränkt ist (angeborener Anosmie). In einer kleinen Studie wurden 32 Betroffene und 36 gesunde Menschen im Alter von 18 bis 50 Jahren mit Fokus auf die Bedeutung des Partnergeruchs zu ihrem Sexualleben und der Zufriedenheit ihrer Partnerschaften befragt. Die Menschen mit stark eingeschränktem Geruchssinn zeigten dabei eine deutlich größere Unsicherheit; die Männer hatten weniger sexuelle Kontakte und die Frauen fürchteten um die Stabilität der Beziehung.

Es ist für eine Partnerschaft offensichtlich wichtig, dass man sich riechen kann. Damit durch Sicherheit der Stress sinkt, damit man sich gegenseitig attraktiv und sexy empfindet, damit man sich überhaupt zu binden traut und darauf vertraut, dass sie hält. Alle drei Studien zeigen, wie groß die Bedeutung des vertrauten Geruchs für glückliche Paare ist.


*) Anspielung auf die Literaturverfilmung „Scent of a Woman“ aus dem Jahr 1992.
**) Fruchtbarkeitsstatus, durch den Zyklus bedingte Wahrscheinlichkeit schwanger werden zu können.

Quellen:

Croy, I, et al. (2013): Men without a sense of smell exhibit a strongly reduced number of sexual relationships, women exhibit reduced partnership security – A reanalysis of previously published data. Biological Psychology 92 (2): 292 - 294. DOI: 10.1016/j.biopsycho.2012.11.008

Lobmaier, J.S. et al. (2018)
: The scent of attractiveness: Levels of reproductive hormones explain individual differences in women’s body odour. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, online veröffentlicht 12 September 2018. DOI: 10.1098/rspb.2018.1520.

Granqvist, P. et al. (2019)
: The scent of security: Odor of romantic partner alters subjective discomfort and autonomic stress responses in an adult attachment-dependent manner. Physiology & Behavior 198 (1): 144 - 150. DOI: 10.1016/j.physbeh.2018.08.024

Erstellt am 9. Oktober 2020
Zuletzt aktualisiert am 9. Oktober 2020

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Frühlingsintermezzo

Innerhalb einer Woche wandelt sich das Wetter von strengem Frost mit schneebedeckter Landschaft zu frühlingshafter Wärme, um dann wieder spätwinterlich abzukühlen. Die Wetterentwicklung ist spektakulär. Derzeit erleben die Menschen in Mitteleuropa die angenehme Phase - sofern sie nicht allergisch auf die Pollen von Hasel und Erle reagieren. weiterlesen...


Admarker

Das Projekt Menschenswetter

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

 

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

  weiterlesen...


Placebos wirken auch wenn man es weiß

Auch wenn Patienten wissen, dass die eingenommenen Medikamente keinen pharmakologischen Wirkstoff enthalten, spüren sie eine Linderung ihrer Symptome. Das ergab eine Übersichtsarbeit in der die Ergebnisse von 13 klinische Studien mit insgesamt 834 Patienten zusammengefasst wurden. weiterlesen...


Kommunizierter Placeboeffekt

Wenn ein Medikament ohne Wirkstoff positiv auf das Wohlbefinden wirkt, widerspricht das der naturwissenschaftlichen Erwartung. Gut belegt ist, dass dieser Placeboeffekt von der Hoffnung des Patienten getragen wird. Aber offensichtlich ist auch die Überzeugung des Arztes ein wichtiger Faktor beim Placeboeffekt. weiterlesen...


Überschätzte Schlaflosigkeit

Morgens übermüdet im Bett liegen mit der Gewissheit „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan“. Dieses Gefühl plagt viele Menschen mit quälender Regelmäßigkeit. Doch zumeist trügt das Empfinden. Die tatsächliche Schlafdauer war in den meisten Fällen kaum kürzer als während einer als erholsam empfundenen Nachtruhe. weiterlesen...


Achtsamkeit ist ein Weg zu besserem Wohlbefinden

Aber es ist nicht der einzige und vielfach auch nicht für jeden Menschen mit psychischer Belastung der beste. Forscher der Universität Cambridge (Großbritannien) haben in einer Metastudie die Daten von 136 wissenschaftlichen Studien mit insgesamt 11.605 Teilnehmer (29 Länder, 77% Frauen, Altersgruppe 18 bis 73 Jahre) ausgewertet. weiterlesen...