Besonders gefährlich sind die Monate unmittelbar nach einem Krankenhausaufenthalt

Herzrisiko Einsamkeit

von Holger Westermann

Menschen sind auf den Kontakt zu Mitmenschen angewiesen. Soziale Isolation belastet nicht nur das psychische Wohlbefinden sondern auch die körperliche Gesundheit. Für Herzpatienten steigt sogar das allgemeine Mortalitätsrisiko.

Einsamkeit ist das individuelle Empfinden, Geselligkeit zu vermissen. Menschen benötigen ein Gegenüber und die konkrete Interaktion, um sich in ihrem Verhältnis zu anderen als sozial eingebundenes Individuum wahrzunehmen. Zwar ertragen manche Menschen sehr gut, auch längere Zeit allein zu sein, doch andere leiden schon nach wenigen Stunden. Ergibt sich bei akutem Bedarf nach Sozialkontakten keine Gelegenheit tritt Stress auf, der sich auch auf die Herzgesundheit auswirkt. Eine Anfrage der FDP an die Bundesregierung ergab 2019, dass unter den Bundesbürgern in der Alterskohorte mit dem höchsten Risiko für Herzinfarkte (45 - 84-Jährige) die empfundene Einsamkeit weiter zunimmt (von 2011 bis 2017 von 7,82% auf 9,2%). Inzwischen fühlt sich - noch ohne die Effekte der Coronakrise - fast jeder Zehnte dieser Altersgruppe einsam.

Zwei Studien untersuchen das Risikopotential von Einsamkeit für Herzpatienten. Eine Arbeitsgruppe am Centre for Cardiac, Vascular, Pulmonary and Infectious Diseases des Copenhagen University Hospital (Kopenhagen, Dänemark) werteten die Daten von 13.443 Patienten (davon 30% Frauen mit Durchschnittsalter 66,1; Männer mit 64,5 Jahren) des Herzzentrums aus, die vorerst erfolgreich gegen ischämischer Herzkrankheit, Arrhythmie, Herzinsuffizienz oder Herzklappenerkrankung behandelt worden waren. Mit einem Fragebogen wurde die körperliche Gesundheit, die Einschätzung der allgemeinen Lebensqualität und des psychologischen Wohlbefinden sowie möglicher Angstzuständen und Depressivität dokumentiert. Zudem wurden Risikofaktoren der Lebensführung wie der Konsum von Tabak und Alkohol, Bewegungsleistung und Sport oder auch die soziale Situation erhoben. So fragten die Forscher, ob die Patienten in ihrer Wohnung allein oder in Gesellschaft lebten. Nach einem Jahr prüften die Forscher den Gesundheitszustand der Patienten, nicht alle hatten bis zu diesem Zeitpunkt überlebt.

Rechnete man den Einfluß anderer Risikofaktoren der Lebensführung heraus, ergab sich für einsame Frauen ein dreimal so hohes Risiko innerhalb Jahresfrist zu versterben wie bei Frauen, die sich laut Selbstauskunft nicht einsam fühlten. Bei Männer bewirkte Einsamkeit ein gut doppelt so hohes Risiko, im Folgejahr zu versterben. Wichtig ist dabei, dass die Todesursache kein kardiovaskuläres Ereignis sein musste, auch andere Gründe wurden mitgezählt. Aufgrund der großen Zahl beobachteter Patienten konnte aber ein reiner Zufallseffekt ausgeschlossen werden.

So betonen die Forscher in ihrem Fazit: „Die Ergebnisse stehen im Einklang mit früheren Forschungen, die darauf hindeuten, dass Einsamkeit mit Veränderungen der kardiovaskulären, neuroendokrinen und immunolo­gi­schen Funktion sowie mit einem ungesunden Lebensstil verbunden ist, der die Gesund­heit negativ beeinflussen kann“. Der deutlich Effekt wurde bestätigt, mögliche Gründe dafür aufgelistet - aber der eine wirksame Grund konnte mit der deskriptiven Analyse (Beschreibung von Zusammenhängen, nicht von Ursache-Wirkung-Beziehung) nicht ermittelt werden. So könnte es auch sein, dass besonders kranke Menschen, die aufgrund ihrer reduzierten Herzleistung wenig mit anderen unternehmen können, sich eher einsam fühlen.

Eine Studie aus dem Jahr 2018 untersuchte an einem Datensatz der UK-Biobank-Studie* mit 479.054 Erwachsenen. Der besondere Fokus galt den Personen, die alleine leben, seltener als einmal im Monat Freunde und Familie treffen und nicht an Aktivitäten mit anderen Menschen teilnehmen (9% der Probanden, Durchschnittsalter 56 Jahre) oder selbst über soziale Isolation und Einsamkeit geklagt hatten (6% der Probanden). Geprüft wurde, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese Menschen einen Herzinfarkt (in 7,1 Jahren 5.731 Ereignisse unter allen 479.054) oder Schlaganfall (3.471) erlitten und ob sie daran verstarben.

Im Ergebnis erkrankten laut Fragebogen sozial isolierte Mensch zu 42 % häufiger als andere an einem Herzinfarkt und zu 39 % häufiger an einem Schlaganfall. Unter den Menschen, die sich selbst als einsam bezeichneten, lag das Herzinfarktrisiko um 49 % über dem Vergleichswert. Damit liegen die Langzeiteffekt deutlich unter den Effekten der Ein-Jahres-Frist (s. oben). Die große Zahl an Patientendaten und die lange Beobachtungsdauer erlaubt eine Analyse, welche Faktoren mit hoher Wahrscheinlichkeit die Korrelation zwischen Einsamkeit und Infarktrisiko verursachen.

So zeigte sich, dass dieses Risiko zu 83% auf gemeinsame Faktoren zurück gehen. Nicht Einsamkeit bewirkt Infarkte, sondern einsame Menschen haben mit hoher Wahrscheinlichkeit Eigenschaften, durch die ein Infarkt wahrscheinlicher wird. Als typische Eigenschaften wurden biologische Risikofaktoren identifiziert, beispielsweise hoher BMI (body mass index als Indiz für Übergewicht) oder Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Rauchen sowie relativ hoher Alkoholkonsum und Anfälligkeit für psychische Erkrankungen. Charakteristika des Lebensstils und des Sozialstatus waren in der Tendenz ein geringeres Bildungsniveau und (infolgedessen) ein geringes verfügbares Einkommen.

All diese Faktoren können Ursache für einen sozial isolierten Lebensstil sein - in der Mehrzahl aber auch dessen Folge. Wer wenig Geld zur Verfügung hat, geht nicht gern unter die Leute und spricht auch selten Einladungen aus. Auf der anderen Seite gelten Alkoholkonsum und Rauchen als Ausdruck von Geselligkeit Auch wenn sich die Meinung der Gesellschaft hierzulande beim Tabakkonsum bereits ins Gegenteil wendete, wird sich kaum ein Raucher als potentiell einsam und wenig gesellig bezeichnen. Insofern halten auch die Forscher Einsamkeit für einen unabhängigen Risikofaktor, dessen Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen die andere Faktoren ergänzt und verstärkt.

So provoziert ein Krankenhausaufenthalt wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei vielen Patienten existenzielle Ängste. Einsamkeit wirkt sich in den unmittelbar folgenden Monaten erheblich stärker aus aus im langjährigen Vergleich. Auch hier sind zwei Szenarien möglich: Entweder sind vorrangig Menschen betroffen, die trotz ihre gerade erlebten (überlebten) Akuttherapie in Krankenhaus und der therapeutischen Ratschläge für eine angemessene Lebensführung zum alten Herz und Kreislauf belastenden Lebensstil zurückgekehrt sind - weil sie in der sozialen Isolation niemand begleitete und daran hinderte. Mit fatalen Folgen dieser Form der Therapieverweigerung. Oder es ist tatsächlich eine Folge der Angst vor einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes, die womöglich sogar die ohnehin vorhandene Neigung zum sozialen Rückzug verstärkt und so die quälende Einsamkeit zum Dauerzustand werden lässt - zur Quelle für Dauerstress, der Herz und Kreislauf zusätzlich belastet.




*) Langzeit-Längsschnitt-Studie des UK National Health Service in Großbritannien an 502.632 Freiwilligen, die im Alter von 40 bis 69 Jahren starteten. Die Rekrutierung der Teilnehmer erfolgte ab 2006 über einen Zeitraum von vier Jahren. Jeder Freiwilliger wird danach mindestens 30 Jahre lang beobachtet und mit umfangreichen Daten zu Gesundheit (inkl. DNA Profil), Lebensstil und Sozialstatus dokumentiert.

Quellen:

Hakulinen, C. et al. (2018): Social isolation and loneliness as risk factors for myocardial infarction, stroke and mortality: UK Biobank cohort study of 479 054 men and women. British Medical Journal, BMJ Heart 104 (18): 1536 - 1542. DOI: 10.1136/heartjnl-2017-312663.

Christense, A.V. et al. (2019): Significantly increased risk of all-cause mortality among cardiac patients feeling lonely. British Medical Journal, BMJ Heart 106 (2): 140 - 146. DOI: 10.1136/heartjnl-2019-315460.

Pressemeldung (2019): Gesellschaft: Einsamkeit nimmt zu. Deutsches Ärzteblatt 116 (23-24): 1142.

Erstellt am 23. August 2020
Zuletzt aktualisiert am 23. August 2020

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Wechsel zu winterlichem Wetter

Derzeit ist das Wetter dröge. Hochdruck dominiert mit Nebel, Niesel und wenig Wind. Selten zieht mal eine schwache Kaltfront über die Landschaft und bewirkt ein wenig Luftdurchmischung mit einzelnen Wolkenlücken, ansonsten bleibt es beim Dauergrau. Da kann ein Wetterwechsel doch nur Besserung bedeuten - oder nicht? weiterlesen...


Ein Bild des Partners lässt Schmerzen schwinden

Zärtlichkeit lindert Schmerzen. Dabei wird der geliebte Partner körperlich wahrgenommen, man ist der schützenden und tröstenden Gegenwart gewiss. Zudem wirkt das genau in diesem Moment ausgeschüttete Kuschelhormon Oxytocin als natürliches Analgetikum. Forscher der Justus Liebig Universität Gießen (Hessen) haben nun herausgefunden: Ein Bild vom Partner genügt, um das Schmerzempfinden zu reduzieren. weiterlesen...


Weniger Streß durch Nikotinverzicht

Wenn Raucher zur Zigarette greifen, bemühen sie oft das Argument, akuten Stress zu lindern. Sie erhoffen sich kurzfristig spürbare und langfristig wirksame Unterstützung bei der Bewältigung psychischer Belastungen. Doch die regelmäßige Intoxikation mit Nikotin verstärkt die Probleme; erst Abstinenz lässt sie (ver)schwinden.

  weiterlesen...


Produktive Müdigkeit im Home Office

Angestellte, die während der Corona-Pandemie von zu Hause aus arbeiten, schlafen länger und arbeiten effektiver. Diese Effizienz- und Leistungssteigerung gelingt nicht jedem, aber betrachtet man die Menschen im Home-Office insgesamt, bleibt das Ergebnis positiv. weiterlesen...


Placebos wirken auch wenn man es weiß

Auch wenn Patienten wissen, dass die eingenommenen Medikamente keinen pharmakologischen Wirkstoff enthalten, spüren sie eine Linderung ihrer Symptome. Das ergab eine Übersichtsarbeit in der die Ergebnisse von 13 klinische Studien mit insgesamt 834 Patienten zusammengefasst wurden. weiterlesen...


Kommunizierter Placeboeffekt

Wenn ein Medikament ohne Wirkstoff positiv auf das Wohlbefinden wirkt, widerspricht das der naturwissenschaftlichen Erwartung. Gut belegt ist, dass dieser Placeboeffekt von der Hoffnung des Patienten getragen wird. Aber offensichtlich ist auch die Überzeugung des Arztes ein wichtiger Faktor beim Placeboeffekt. weiterlesen...