Wie Wetterempfindlichkeit im Winter auf die Seele wirkt

Winterdepression, warum zu wenig Licht die Stimmung drückt

von Holger Westermann

Im Winter sind die Tage kürzer und die Sonne scheint nur dann, wenn die meisten Menschen in Fabrik oder Büro im Schatten sitzen. So durchleben in Mitteleuropa viele Menschen in den sonnenscheinarmen Wintermonaten psychische und physische Krisen: Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Heißhunger auf Kohlenhydrate und infolgedessen eine unerwünschte Gewichtszunahme. Ein Forscherteam der Medizinischen Universität Wien hat nun herausgefunden, wie die verminderte Lichteinstrahlung in den finsteren Wintermonaten diese Beschwerden auslösen kann.

„In ihrer stärksten Ausprägung werden diese Veränderungen als Winter-Depression bezeichnet“, erläutert Siegfried Kasper, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien. Eine entscheidende Rolle für diese Verstimmungen kommt dem Botenstoff Serotonin zu. Fehlt es, so sinkt die Stimmung. Ist es ausreichend vorhanden, so steigt die Laune. Deshalb wird Serotonin auch als Glückshormon bezeichnet.

Aus früheren Studien ist bekannt, dass sich der Serotonin-Austausch zwischen den Gehirnzellen mit den Jahreszeiten verändert. Scheint die Sonne so nehmen die Gehirnzellen viel Serotonin auf, sinkt im Winter die Lichteinstrahlung so reduziert sich der Serotoninspiegel in den Zellen. Das Wiener Forscherteam konnte nun zeigen, dass die aufnehmende Nervenzelle den Flaschenhals bildet, der die Serotoninmenge begrenzt. Ähnlich wie bei Depressionen oder Angststörungen sind die Aufnahmemoleküle der Nervenzellen (Serotonin 1A-Rezeptor) in ihrer Funktion gehemmt. Selbst wenn Serotonin zur Verfügung steht, kommt es nicht in den Zielzellen an, da die Serotonin-Aufnahme nicht optimal funktioniert.

Die Winterdepression ist demnach funktionell eng verwandt mit Depressionen und Angststörungen. So konnte Studienleiter Prof. DDr. h.c. Dr. Siegfried Kasper „zeigen, dass mit einer Lichttherapie bereits nach einer Woche eine Verbesserung der Symptomatik eintritt, währenddessen die PatientInnen auf die Therapie mit SSRI* erst bis zu drei Wochen später ansprachen.“

Spaziergänge im Sonnenschein – und dabei genügt schon ein bedeckter Himmel - helfen also schneller gegen den Winterblues als Medikamente.


(* Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer = Medikamente, die den Rücktransport des Serotonins in die Ausgangszelle verhindern, um für die Zielzellen mehr Serotonin zur Verfügung zu halten)

Quellen:

Spindelegger, C. et al. (2011): Light-dependent alteration of serotonin-1A receptor binding in cortical and subcortical limbic regions in the human brain. World J Biol Psychiatry, online veröffentlicht am 23.11.2011.

Winterdepression: Wenn zu wenig Licht krank macht. Presseinformation der Medizinischen Universität Wien vom 16.12.2011

Erstellt am 1. Februar 2012
Zuletzt aktualisiert am 1. Februar 2012

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