Normalwert liegt heute 0,6 Grad niedriger als noch um 1850
Corona-Kompetenz: Körpertemperatur korrekt bewerten
Fiebermessen ist eine Alltagsfertigkeit. Moderne Geräte mit Displayanzeigen erleichtern das präzise Anlesen auf die erste Dezimalstelle genau. Traditionalisten bevorzugen die analoge Technik, weil sie auch ohne Batterien funktioniert. Dafür nehmen sie einen Messfehler von 0,1°C in Kauf. Einigkeit besteht jedoch darin, dass eine Körpertemperatur von 37°C den Normalwert markiert. Doch diese Regel ist nicht mehr up-to-date.
Seit 1851 beträgt die „normale“ Körpertemperatur laut Lehrbuch und allgemeinem Wissen 37°C, gemessen unter der Achsel oder unter der Zunge oder im After (man sollte stets den selben Messpunkt wählen und nicht wechseln. Dafür gibt es mehrere Gründe - und das ist nicht allein die Vergleichbarkeit der Messwerte). Damals ermittelte Prof. Dr. Carl Reinhold Wunderlich am St. Jacobshospital, der Universitätsklinik in Leipzig durch Millionen von Temperaturmessungen an 25.000 Patienten die Normaltemperatur (und die krankheitsbedingten Fieberkurven). Seither gilt der Orientierungswert 37°C als Normalnull der Körpertemperatur. Erst wenn der Thermometermesswert darüber liegt, gilt dies als Fieber oder Indiz für eine Entzündung, als zuverlässiger Anzeiger für eine krankheitsbedingte Körperreaktionen. Doch diese Gewissheit trügt, denn die mittlere Körpertemperatur ist in den letzten 170 Jahren sukzessive um rund 0,6 Grad gesunken und beträgt nun 36,4°C.
Das hat ein Team der Stanford Universität (Kalifornien, USA) auf Grundlage von drei Zeitreihenanaylsen Messjahre 1860–1940 (Armee-Veteranen des amerikanischen Bürgerkriegs, mit N = 23.710 Personen), 1971–1975 (Nationale Gesundheits- und Ernährungsstudie, N = 15.301) und von 2007-2017 (Daten der Stanford Forschung, N = 150.280). Berücksichtigt man Geschlecht, Alter, Größe und Gewicht sowie die Tageszeit der Messung, so sank die mittlere Körpertemperatur bei Männern und Frauen monoton um 0,03 ° C pro Geburtsjahrzehnt.
„Wir glauben, dass die beobachteten Unterschiede physiologische Veränderungen reflektieren“, interpretieren die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Datenauswertung. Dass sich im Verlauf der letzten 200 Jahre die Lebensbedingungen, die Lebensweise und damit auch die Physiologie der Menschen (in den USA) verändert habe. So sei der Ernährungszustand, die Hygiene und die allgemeine Gesundheit im Verlauf der Jahrzehnte besser geworden. Infektionen und Entzündungen wurden seltener und weniger langwierig. Seitdem Antibiotika zur Verfügung stehen kenne die meisten Menschen solche Erkrankungen nur als vorübergehende Plage, die alsbald vollständig ausheilt.
Als zweite potentielle Ursache nennen die Forscher die optimal temperierte Wohnumgebung: „Der Ruhestoffwechsel steigt, wenn die Umgebungstemperatur über oder unter der thermoneutralen Zone liegt – dem Bereich, in dem Menschen ihre Normaltemperatur mit minimalen Energieaufwand stabil halten können“; entfällt dieser Korrekturaufwand genüge auch eine geringere Basistemperatur. Für die Wärmeproduktion und Wärmespeicherung ist der Stoffwechsel des Körpers in seinem Volumen verantwortlich, für die Wärmeregulation die Körperoberfläche. Je größer ein Körper wird, um so mehr wächst sein Volumen (in der 3. Potenz) gegenüber seiner Oberfläche (in der 2. Potenz). Deshalb benötigen kleine Körper eine hohe Stoffwechselrate und damit hohe Temperatur um nicht überraschend auszukühlen oder zu überhitzen, während größere Körper mit niedrigerer Basistemperatur zuverlässig arbeiten können. Die Durchschnittsgröße und das Durchschnittsgewicht der Menschen in den USA hat in den zurückliegenden 200 Jahren deutlich zugenommen. Auch hier sehen die Forscher eine Ursache für die langfristige Entwicklung zu einer heutzutage geringeren „normalen“ Körpertemperatur.
Wer heute Fiebermessen möchte sollte sich demnach nicht an der Markierung bei 37°C orientieren, sondern einen so hohen Messwert bereits als Hinweis auf eine womöglich bereits „leicht erhöhte Temperatur“ werten.
Quellen: Protsiv, M. et al. (2020): Decreasing human body temperature in the United States since the Industrial Revolution. eLife 9: e49555, online veröffentlicht 7.1. 2020. DOI: 10.7554/eLife.49555
Erstellt am 2. April 2020
Zuletzt aktualisiert am 2. April 2020
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