Wetter

Stürmische Sabine überrennt gemütlichen Frank

von Holger Westermann

Hochdruckwetter im Spätwinter bedeutet Frost am frühen Morgen, mancherorts Nebel und Hochnebel bis zum Mittag und anschließend Sonnenschein, der ins Freie lockt. Unter dem  Hoch „Frank“ durften sich die Menschen in Mitteleuropa fast eine Woche lang darüber freuen - bis nun das Orkantief „Sabine“ die Hochdruckgemütlichkeit beiseite schiebt und turbulentes Wetter inszeniert.

Der Wetterwechseln beim Durchzug eines Tiefs vom Nordatlantik über die Britischen Inseln nach Skandinavien und Russland charakterisiert eine typische zyklonale Westlage - die im Winter hierzulande vorherrschende Wetterlage. Doch das Orkantief „Sabine“ ist anders, es tobt auf breiter Front mit großer Vehemenz. Denn derzeit liegt der Jetstram, das von West nach Ost um den Nordpol mäandernde* Starkwindband an der Tropopause (Obergrenze der Troposphäre, der unteren Atmosphäreschicht in der sich das Wetter mit Wolkenbildung abspielt; in 8 bis 12 km Höhe), mit einer Nordwestströmung über Mitteleuropa. Der Jet ist derzeit ungewöhnlich stark und erreicht in 10.000m Höhe bis zu 400km/h (üblich sind rund 300km/h), er lenkt und beschleunigt die Atlantiktiefs - und „Sabine“ lässt sich mitreißen.

Ein „Monster“ oder ein „Megasturm“ ist nicht zu erwarten, jedoch ein veritabler Sturm mit Orkanböen (> 117km/h). Das besondere ist, dass die Starkwindfronten auf ihrem Weg von Nordwesten nach Südosten Deutschland in voller Breite überdecken und lang anhalten. Angekündigt sind Böen bis zu 180km/h. Doch das betrifft ausschließlich exponierte Lagen wie den Gipfel des Brocken im Harz (1.141m). Im Flachland muss man aber auch mit einer Windgeschwindigkeit über 100km/h rechnen. So ist es sicherlich sinnvoll frei stehende Blumentöpfe und Balkonmöbel zu sichern, damit sie das eigene Grundstück nicht verlassen. Im Internet macht derzeit der Begriff „Sturmwichteln“ die Runde: Biete Kinderhüpfburg suche Kugelgrill. In Österreich wird der Sturm weniger stark zu spüren sein. Hier markiert der aufkommende Niederschlag mit kräftigem Regen und Schnee den Wetterwechsel.

Die ersten Sturmfelder von „Sabine“ erreichen Mitteleuropa in den Niederlanden und Nordwestdeutschland am Sonntagvormittag, gegen Mittag wird Brüssel (Belgien) das Rheinland und der Raum Frankfurt/Main überrollt und nachmittags trifft es den Bogen Berlin-Leipzig-Nürnberg-Stuttgart-Freiburg und am Abend die Region südlich der Schwäbischen Alb, erst in der Nacht dann München und das Alpenvorland. Der Höhepunkt der Windlage ist in vielen Teilen des Landes in der Nacht auf Montag zu erwarten, wenn die Kaltfront mit eingelagerten Gewittern südostwärts vorankommt. Gerade unter dem Einfluss der windverstärkenden Gewitterwolken kann der Sturm mancherorts noch einmal kräftig zulegen. Entsprechend muss während der Kaltfrontpassage mit Sturm und Orkanböen zwischen 100 und 130 km/h gerechnet werden.

An den Alpen macht sich in der Nacht auch noch der „Leitplankeneffekt“ bemerkbar. Zwischen den hoch aufragenden Bergen und der massiven Kaltfront (kalte Luft ist dichter und schwerer als wärmere) wird die vergleichsweise warme Luft eingequetscht und beschleunigt - so wie ein Gartenschlauch weiter spritzt, wenn man das Ende zusammendrückt.

Das Sturmfeld von „Sabine“ ist eine ernste Warnung wert. Ein Spaziergang im Wald sicherlich keine gute Idee. Auf den Straßen im Wohngebiet muss mit herumfliegenden Gegenständen gerechnet werden, es ist besser im Haus zu bleiben. Reisen wird zum Glücksspiel mit Risikokomponente: Man braucht schon Glück, dass der Verkehrsweg Straße oder Schiene sowie Schiff oder Flugzeug nicht gesperrt ist und funktioniert. Man geht ein Risiko ein mit dem selbst genutzten Vehikel hinweg geblasen zu werden oder mit einem anderen Verkehrsteilnehmer zu kollidieren, den dieses Schicksal ereilte. Manchmal ist es die bessere Entscheidung einfach zu Hause zu bleiben.



* schlängelnder Verlauf, beispielsweise von Bächen in flacher Landschaft

Quellen:

Mag.rer.nat. Florian Bilgeri: Die Ruhe vor dem Sturm. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 07.02.2020

Dipl.-Met. Marcus Beyer: Schwere Sturmlage ? Ablauf und Windgeschwindigkeiten. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 09.02.2020

Erstellt am 9. Februar 2020
Zuletzt aktualisiert am 9. Februar 2020

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