Geschlechtertypische Wohlfühltemperatur bestimmt die Leistungsfähigkeit

Frauen frieren anders

von Holger Westermann

Frösteln und frieren sind Reaktionen auf den akuten oder erwarteten Verlust von Körperwärme. Niedrige Lufttemperatur ist nur ein Auslöser, hohe Luftfeuchte und Wind sowie Aufenthalt im Schatten (keine Strahlungswärme) unterstützen den Wärmeverlust. Physiologische und psychologische Effekte wirken als Verstärker des Kälteempfindens - Schlafmangel, Abgespanntheit und Schmerzbelastung, manchmal genügt auch ein Blick aus dem Fenster auf vorüberziehende Schauer.

Eine konstante Körpertemperatur ist lebenswichtig. Im Sommer muss überschüssige Wärme aus Muskelarbeit und Aktivität der Organe über die Haut abgeführt werden, im Winter gilt es den Verlust zu reduzieren. Wärme wird mit dem Blutfluss aus der Körpermitte unter die Haut und damit in thermischen Kontakt mit der Umgebung gebracht. Soll viel Wärme abgeführt werden weiten sich die Adern, um den Blutfluss zu erleichtern. Bei Kälte verengen sich die Adern, damit dem Körper nur wenig Wärme verloren geht. Die Gänsehaut beim frösteln und frieren ist ein evolutionäres Relikt aus der Zeit, als die Vorfahren des modernen Menschen noch mit eigenem Fell durch die Winterlandschaft liefen. Kleine Muskeln stellten die einzelnen Haare auf, so dass sich dazwischen direkt über den Haut ein isolierendes Luftpolster halten konnte. Inzwischen nutzen die Menschen dafür die Haare von Schafen und nennen es Wollpullover. Doch die Gänsehaut ist als Zeichen fürs frieren geblieben. Dazu gesellen sich weitere Körperreaktionen: die Finger werden klamm, die Nasenspitze ist kalt und fühlt sich feucht an, der Nacken versteift sich, Arme und Beine schmerzen, den ganzen Körper schüttelt es immer wieder durch.

Beim Zittern spannen sich die großen Muskeln des Körpers in rascher Folge immer wieder an und erzeugen dabei Wärme. Diese unkontrollierbaren Kontraktionen sind für alle Menschen ein unangenehmes Gefühl, für manche Menschen kann es sogar schmerzhaft sein. Hinzu kommt, dass der Verlust von Körperwärme auch ein Alarmsignal ist, das innere Unruhe und letztendlich Stress auslösen kann. Dabei sind Frauen stärker betroffen als Männer denn sie frieren früher. Einerseits haben Männer eine größere Muskelmasse und deshalb genügt schon ein wenig mehr Bewegung damit sie sich selbst einheizen können. Andererseits haben Frauen eine dünnere Haut als Männer, wodurch der Wärmeverlust eher eintritt. Frauen sollten sich deshalb in kühler Umgebung „wärmer“ kleiden als Männer. So klagen Frauen oftmals schon über Kälte, wenn Männer noch die erfrischende Kühle loben.

Eine aktuelle Studie untersuchte das geschlechtertypische Wärmeempfinden mit Blick auf Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz. Es zeigte sich, dass Frauen bei 30°C besser denken können, während Männer eine deutliche niedrigere Arbeitstemperatur bevorzugen. Die Forscher erklären den Befund mit der höheren Frösteltemperatur von Frauen. Wird die Umgebung als „kalt“ empfunden, konzentriert sich die Durchblutung auf die Körpermitte, perifere Regionen wie Arme und Beine oder die Nasenspitze werden dagegen weniger gut versorgt. Die Frauen fühlen sich körperlich unwohl, dabei schwinden offensichtlich auch Konzentrationsfähigkeit und Denkvermögen.

Für das Experiment mussten 500 weibliche und männliche Studenten drei unterschiedliche Testaufgaben lösen: Kopfrechnen, Wortbildung aus vorgegeben Buchstaben (Scrabble-Spiel) und kognitive Textaufgaben. Derweil änderte sich die Raumtemperatur von 16°C auf 33°C. Unter 20°C waren die Männer im optimalen Temperaturbereich, da lieferten sie die besten Ergebnisse. Den Frauen war das deutlich zu frisch. Mit jedem Grad Temperaturanstieg besserte sich deren Leistung und erreichte ab 30°C das Optimum. Parallel dazu sank die Performance der Männer - wenn auch nur moderat.

Für Arbeitsmediziner sind die Ergebnisse relevant, wenn sie die Raumtemperatur für optimale Leistungsentfaltung bestimmen wollen. Im Idealfall nutzen Frauen und Männer unterschiedlich temperierte Arbeitsplätze. Für Menschen in Partnerschaften oder Familien ist das Ergebnis ein wichtiger Hinweis auf die optimale Wohlfühltemperatur - es ist nicht zu erwarten, dass Frauen und Männer den selben Thermometerwert anstreben. Wohnen mehrere Menschen zusammen sind Kompromiss und Rücksichtnahme notwendig. „Es sind hier 22°C im Wohnzimmer; bei der Hitze kann man doch nicht frieren“ Doch, als Frau kann man das! Mit der „optimalen Betriebstemperatur“ ist eben nicht die geschlechtertypische Körpertemperatur gemeint, sondern die ideale Umgebungstemperatur, um sich wohl zu fühlen und dabei optimale Leistung zu erbringen.

Quellen:

Chang, T.Y.; Kajackaite, A. (2019): Battle for the thermostat: Gender and the effect of temperature on cognitive performance“, PLoS ONE, online veröffentlicht 22. Mai 2019. DOI: 10.1371/journal.pone.0216362

Erstellt am 17. Januar 2020
Zuletzt aktualisiert am 17. Januar 2020

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