Wetter
Zweierlei Zwergzyklone
Dynamische Tiefdruckgebiete werden von Meteorologen Zyklone genannt (nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen tropischen Wirbelstürmen des indischen Ozeans). Sie sind hierzulande ein vorüberziehendes Phänomen, vom Atlantik kommend ostwärts nach Russland oder nordostwärts nach Skandinavien. Dabei können die mächtigen Zentraltiefs von kleineren Randtiefs und Teiltiefs begleitet werden. Diese unterscheiden sich nicht nur in Größe und Stärke, sondern auch in ihrer Entstehungsgeschichte voneinander.
Der Zwerg in der Überschrift ist der gefälligen Alliteration (Reihe von Wörtern mit gleichem Anfangsbuchstaben) geschuldet. Tatsächlich sind die „kleinen“ Tiefdruckgebiete hinreichend raumgreifend und dynamisch, dass sie für weite Landschaften wetterbestimmend werden können. Sowohl Randtiefs wie auch Teiltiefs beziehen sich auf ein Zentraltief als "steuerndes Zentrum“ mit seiner Luftströmung entgegen dem Uhrzeigersinn um das Zentrum. Von einer Position unter der Zugbahn eines großen Tiefs wird an dessen Vorderseite (Ostflanke) zunächst von Süden warme Luft heran geführt. Nach der Passage des Zentrums, unter Einfluss der Rückseite (Westflanke) des Tiefs, strömt kalte Luft von Norden heran. Damit leisten Tiefdruckgebiete den Luftmassen- und Energieaustausch zwischen den eiskalten Polen (Nord und Süd) und dem warmen Äquator.
Wo Luftmassen unterschiedlicher physikalischer Eigenschaften wie Temperatur, Wasserdampfgehalt, Druck, Geschwindigkeit aufeinander treffen, an den Luftmassengrenzen spricht man von Fronten. Ist die heranströmende Luft wärmer (oft auch feuchter) als die über der Landschaft liegende, spricht man von einer Warmfront; ist sie kühler von einer Kaltfront. Von einem heranziehenden Tiefdruckgebiet trifft die Menschen hierzulande immer zuerst die Warmfront und anschließend die Kaltfront. Dabei wird die vergleichsweise leichte, warme Luft langsamer bewegt als die kompakte, schwere Kaltluft. In gealterten Tiefdruckgebieten wird die Warmfront von der Kaltfront eingeholt und die Dynamik des Systems erschlafft. Der „Okklusionspunkt“ markiert den Bereich, in dem die Kaltfront die Warmfront bereits überrollt und vom Boden abgehoben hat. Dieser „Punkt“ liegt zunächst nah am Zentrum des Tiefs, wandert dann wie der Zip an einem sich schließender Reißverschluß nach aussen und vereint Kalt- und Warmfront zur Okklusionsfront.
Dabei können sich bei dynamischem Verlauf mit rasantem und drastischem Druckabfall kleine Teiltiefs mit eigenständiger Zirkulation abspalten. Das neu gebildete kleinräumige Tief koppelt sich vom Zentraltief ab, nimmt eine eigene Zugbahn und entwickelt sich dann von der Höhenströmung getrieben mit eigenem Tempo und eigenen Fronten. Für die Benennung dieser neugeborenen Druckgebilde bezieht sich die verantwortliche Freien Universität (FU) in Berlin auf das Muttertief und hängt die römische Ziffer zwei (II) an den Namen.
Ein Randtief entsteht dagegen zumeist an einer kleinräumigen wellenförmigen Störung der Kaltfront des Zentraltiefs. Vertiefen sich diese Störungen und bilden eine eigene Zirkulation aus (unabhängig von der Zirkulation des Zentraltiefs) werden sie als Randtief bezeichnet. Im Gegensatz zum Teiltief, das sich abkoppelt und einer eigenen Zugbahn folgt, bleibt das Radtief immer in Kontakt mit dem Muttertief. Es wandert im weiteren Verlauf entlang der spiralförmigen Luftströmung in dessen Zentrum und ersetzt dieses. Beide Systeme bleiben den gesamten Lebenszyklus aneinander gebunden.
Nun könnte man natürlich meinen: "Tief ist Tief und bringt meistens schlechtes Wetter.“ Für die Vorhersage ist es aber wichtig zu wissen, ob ein neugebildetes kleines Tief als Randtief das bislang allein wetterbestimmende Zentraltief begleitet und dessen Wirkung wie ein Ornament erweitert, oder ob ein Teiltief auf eigener Zugbahn ganz neue Akzente der Wetterentwicklung setzt. Durch das ausscherende Verhalten der Teiltiefs kann deren Weg nicht präzise prognostiziert werden. Die Wettervorhersage für die betroffene Region wird kompliziert - die Wahrscheinlichkeit für fehlerhafte Prognosen steigt.
Auch Randtiefs beeinträchtigen die Prognosepräzision, jedoch nicht in der Qualität (Wolken, Regen oder Sonnenschein) sondern im Zeitpunkt der Wetterveränderung. Sturm und Regen lassen sich weiterhin gut vorhersagen, sie setzen nur 6-12 Stunden früher ein als ursprünglich erwartet. Zudem kann dabei die Intensität des Tiefs stark variieren; der angekündigte Niesel entlädt sich als schauerartig verstärkter Starkregen.
Ein besonders schönes Exemplar eines zentralen, steuernden Zentraltiefs ist „Bianca“. Es zog im Verlauf der Woche vom Nordatlantik über das Europäischen Nordmeer nach Skandinavien. An der Südflanke entwickelte sich westlich des Englischen Kanals das Randtief „Clara“, das den Einflussbereich von „Bianca“ südwärts verlängerte - und Mitteleuropa Regen brachte. Im Warmsektor von Randtief „Clara“ wurde Luft aus der Azorenregion und Nordafrika nach Mitteleuropa transportiert. Im Mitteleuropa wurde es bis zu 15°C warm, aber auch in Skandinavien und in Westrussland stieg die Lufttemperatur ungewöhnlich hoch. Aktuell ist eine Umstellung der Großwetterlage ist weiterhin nicht zu erwarten. Es ziehen immer wieder mächtige Tiefdruckgebiete vom Atlantik ostwärts und treffen Europa mal auf der Höhe von Spitzbergen, mal bei den Britischen Inseln. So wird immer wieder warme Luft nach Mitteleuropa transportiert. Die Kaltluftvorstöße reichen zumeist nicht weit genug nach Süden, um hierzulande frostiges Winterwetter zu garantieren.
Für wetterempfindliche Menschen ist dieser stete Temperaturwechsel eine Belastung. Andererseits kann man für anstrengende Aktivitäten die milden Tage wählen und sich während der eher kalten Episoden schonen. Ansonsten hilft ein Blick auf Menschenswetter, um die Wirkung von Zentraltiefs, Randtiefs und Teiltiefs einzuschätzen.
Quellen: Dipl.-Met. Robert Hausen: Tief ist nicht gleich Tief. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 07.01.2020.
Erstellt am 10. Januar 2020
Zuletzt aktualisiert am 12. Januar 2020
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