Jugendliche leiden unter den sozialen Folgen der saisonalen Erkrankung

Depressiv durch Heuschnupfen

von Holger Westermann

Die Symptome stören und bieten den Mitmenschen in direkter Umgebung keine attraktive Gesellschaft: geschwollene Lider, rote tränende Augen, „laufende“ Nase und minutenlanges Niesen. Hinzu kommen die unsichtbaren Leiden wie Kratzen im Hals und Rachen sowie Schlafstörungen - die das Körpergefühl der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Jugendliche leiden besonders intensiv darunter, da sie sich aufgrund dieser Symptome der Pollenallergie von der Gemeinschaft Gleichalter ausgeschlossen fühlen. Unerwartet oft ist Depressivität die Folge.

Heuschnupfen ist eine weltweit verbreitete Plage. Bei ungünstigem chronifiziertem Verlauf kann sich Asthma entwickeln oder es breiten sich unansehnliche Hautveränderungen aus. Die Schlafqualität leidet und damit auch allgemeine Konzentrationsfähigkeit (nicht nur während und unmittelbar nach einer Niesattacke), die soziale Empfindlichkeit und Gereiztheit wächst und die Begeisterung für zwischenmenschliche Nähe schwindet.

Während sich die Mehrzahl der Mitmenschen über einen sonnigen trockenen Sommer freuen, bedeutet diese Wetterlage für Menschen mit Heuschnupfen eine intensive Leidenszeit. Viele Geplagte ziehen sich bei geschlossenen Fenstern in die Wohnungen zurück und ziehen die Vorhänge zu, da grelles Licht die Augen zusätzlich reizt und Kopfschmerzen provoziert. Draussen genießen „alle ausser mir“ den Sommer.

Nun haben Forscher aus Taiwan in einer Metastudie (Auswertung wissenschaftlicher Studien zu diesem Thema) die emotionale und psychische Belastung von Jugendlichen mit Hypersensiblität gegenüber Pollenproteinen untersucht. Bekannt ist, dass viele junge Betroffene über Depressivität klagen - verwunderlich ist das nicht:

  • Die emotionale Belastung ist hoch, denn die erzwungene Isolation bedeutet einen fundamentalen Kontrollverlust über die eigene Position im sozialen Umfeld. „Wer macht gerade was mit wem? Und ich bin nicht dabei!“
  • Aggressivität zeigten die Jugendlichen, denn während der Heuschnupfenepisoden verstärkte sich Unsicherheit und Impulsivität der Pubertierenden
  • Schlafstörungen erschweren die körperliche und geistige Regeneration. Die Aufgaben am kommenden Tag überfordern und können zu Stress führen, der dann nicht bewältigt werden kann.

So kann Heuschnupfen Depressivität hervorrufen und bei Veranlagung zu Depression eine Krise provozieren. Diese Befunde gelten sicherlich auch für Erwachsene. Doch sind hier die Möglichkeiten zu Kompensations- und Vermeidungsverhalten größer. Insofern liefert die Fokussierung auf Jugendliche Ergebnisse, frei von Störeinflüssen solcher Verhaltensanpassungen. Auf der anderen Seite lässt sich bei Erwachsenen mit Heuschnupfen beobachten, was auch jungen Menschen helfen könnte, die Risiken für Depressivität bei Heuschnupfen zu reduzieren.

So lässt sich die Schlafqualität durch ein Gerät zur Luftwäsche (entfernt die Pollen) verbessern. Frühmorgens sind durch Taubildung weniger Pollen und die allergieauslösenden Pollenproteine in der Luft. Nachts werden von den Pflanzen kaum Pollen abgegeben, der Nachschub ist unterbrochen. Derweil denaturieren die Proteine aus den Pollen vom Vortag in der taufeuchten Luft. Ein ökologisch nicht optimaler, für die Gesundheit von Menschen mit Heuschnupfen aber hilfreicher Tipp: Meiden Sie ÖPNV und nutzen Sie ihr privates Auto - sofern es eine moderne Klimaanlage hat. Dort werden die Pollen und Pollenproteine herausgefiltert, in Bus und Straßenbahn wirbeln sie herum. Medikamente (Antihistaminika) sollten rechtzeitig und während der kritischen Pollenperiode auch regelmäßig eingenommen werden. Eigenmächtiges Absetzten verstärkt die Symptome nur. Im Bedarfsfall kann auch Kortison eingesetzt werden. Beim Einsatz der Medikamente sollte mit Blick auf das Ergebnis der hier zitierten Studie berücksichtigt werden, dass sie nicht nur dazu dienen kurzfristig die lästigen Symptome des Heuschnupfens einzuschränken, sondern auch langfristig das Risiko für Depressivität oder eine depressive Krise (und damit den Einsatz von Antidepressiva) zu reduzieren.

Quellen:

Blaiss, M.S. et al. (2018): The burden of allergic rhinitis and allergic rhinoconjunctivitis on adolescents: A literature review. Annals of Allergy, Asthma & Immunology 121 (1): 43 - 52.e3. DOI: 10.1016/j.anai.2018.03.028.

Erstellt am 1. August 2019
Zuletzt aktualisiert am 1. August 2019

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