Genverlust senkt Malariarisiko provoziert aber Anfälligkeit für Arteriosklerose

Herzinfarkt ist ein Privileg der Menschheit

von Holger Westermann

Selbst Schimpansen im Zoo, die ein unnatürliches Alter erreichen und im Vergleich zu wildlebenden Artgenossen übergewichtig sind, kennen keine Arterienverkalkung und keinen klassischen Herzinfarkt. Menschen sind, abgesehen von eigens gezüchteten Labormäusen, die einzigen Säugetiere mit einem hohen Risiko für Arteriosklerose, Gefäßverschluß und Herztod. Ein entbehrliches Privileg, das sich jedoch aus gutem Grund in der Evolution der Menschen durchsetzen konnte.

Wenn alle anderen Säugetiere dieses Merkmal nicht kennen, es beim modernen Menschen (Homo sapiens) aber weltweit verbreitet ist, dann sollte es sich um eine punktuelle Genveränderung handeln, die zum Entstehungszeitpunkt und am Entstehungsort von erheblichem evovolutionären Vorteil war - der den offensichtlichen Nachteil des Infarktrisikos überwog. So die knapp formulierte Arbeitshypothese einer Forschergruppe an der University of California in San Diego (USA). Sie fanden eines genetische Besonderheit, jedoch nicht ein funktionell „neues“ Gen, sondern eine Mutation, die ein Gen „CMAH“ abschaltete. Dieser DNA-Abschnitt codiert ein Enzym für die Herstellung der Sialinsäure N-Glycolylneuraminsäure (Neu5Gc). Letztendlich steht Neu5Gc dem menschlichen Organismus nicht zur Verfügung

Für ein weiterführendes Experiment vergleichen die Forscher die Arteriengesundheit von Mäusen, bei denen das Gen CMAH inaktiviert wurde, mit natürlichen Artgenossen. Dabei zeigten sich die genmanipulierten Tiere anfällig für Arteriosklerose, ihre Arterien waren doppelt so stark „verkalkt“. „Dieses erhöhte Risiko scheint mit mehreren Faktoren zusammenzuhängen. Unter anderem neigten die Mäuse mit dem menschentypischen Genverlust zu Diabetes und ihre weißen Blutkörperchen waren übermäßig aktiv“, erklären die Forscher ihren Befund. Erhielten die genmanipulierten Mäuse eine besonders fettreiche Diät (analog zur Risikoernährung für Menschen) verstärkten sich die Symptome noch einmal um das 2,4-Fache. Die Forscher sehen in dieser extremen Sensibilität eine genetisch bedingte „Prädisposition für Arteriosklerose“.

Doch warum konnte sich dieser Gendefekt in der Evolution des modernen Menschen durchsetzen? Die Forscher vermuten, das die Inaktivierung des CMAH-Gen bereits vor zwei bis drei Millionen Jahren erfolgte, also beim Übergang der Australopithecinen zu den ersten Menschen (Homo rudolfensis, 2,5 bis 1,9 Mio. Jahre; Homo habilis 2,1 bis 1,5 Mio Jahre). Damals könnte der Verlust der Sialinsäure Neu5Gc vor einer Malariainfektion geschützt haben, da die Erregen an diesem Molekül geeignete Blutzellen erkannte.

Es könnte aber auch ganz anders sein, denn die Forscher bringen dieses Molekül mit der spezifisch menschlichen Fähigkeit für ausdauerndes Laufen in Verbindung. So verweist eine populäre Theorie zur Perfektionierung des aufrechten Gangs beim Menschen (unter Verlust der Fähigkeit gut zu Klettern) darauf, dass bei zahlreichen Naturvölkern das Hetzen von zuvor per Speerwurf verletzten Beutetieren eine weit verbreitete Jagdtechnik ist. Menschen können auch bei großer Hitze sehr ausdauernd laufen, alle anderen Tiere kollabieren alsbald. Kreislauf, großes Lungenvolumen und Thermoregulation (kein Fell, viele Schweißdrüsen) prädestinieren für diese Jagdtechnik, offensichtlich auch ein von Jahrmillionen erworbener Gendefekt.

Quellen:

Kawanishi, K. et al. (2019): Human species-specific loss of CMP-N-acetylneuraminic acid hydroxylase enhances atherosclerosis via intrinsic and extrinsic mechanisms. Proceedings of the National Academy of Sciences, online veröffentlicht 22.07. 2019. DOI: 10.1073/pnas.1902902116

Erstellt am 27. Juli 2019
Zuletzt aktualisiert am 27. Juli 2019

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Wechsel zu winterlichem Wetter

Derzeit ist das Wetter dröge. Hochdruck dominiert mit Nebel, Niesel und wenig Wind. Selten zieht mal eine schwache Kaltfront über die Landschaft und bewirkt ein wenig Luftdurchmischung mit einzelnen Wolkenlücken, ansonsten bleibt es beim Dauergrau. Da kann ein Wetterwechsel doch nur Besserung bedeuten - oder nicht? weiterlesen...


Ein Bild des Partners lässt Schmerzen schwinden

Zärtlichkeit lindert Schmerzen. Dabei wird der geliebte Partner körperlich wahrgenommen, man ist der schützenden und tröstenden Gegenwart gewiss. Zudem wirkt das genau in diesem Moment ausgeschüttete Kuschelhormon Oxytocin als natürliches Analgetikum. Forscher der Justus Liebig Universität Gießen (Hessen) haben nun herausgefunden: Ein Bild vom Partner genügt, um das Schmerzempfinden zu reduzieren. weiterlesen...


Weniger Streß durch Nikotinverzicht

Wenn Raucher zur Zigarette greifen, bemühen sie oft das Argument, akuten Stress zu lindern. Sie erhoffen sich kurzfristig spürbare und langfristig wirksame Unterstützung bei der Bewältigung psychischer Belastungen. Doch die regelmäßige Intoxikation mit Nikotin verstärkt die Probleme; erst Abstinenz lässt sie (ver)schwinden.

  weiterlesen...


Produktive Müdigkeit im Home Office

Angestellte, die während der Corona-Pandemie von zu Hause aus arbeiten, schlafen länger und arbeiten effektiver. Diese Effizienz- und Leistungssteigerung gelingt nicht jedem, aber betrachtet man die Menschen im Home-Office insgesamt, bleibt das Ergebnis positiv. weiterlesen...


Placebos wirken auch wenn man es weiß

Auch wenn Patienten wissen, dass die eingenommenen Medikamente keinen pharmakologischen Wirkstoff enthalten, spüren sie eine Linderung ihrer Symptome. Das ergab eine Übersichtsarbeit in der die Ergebnisse von 13 klinische Studien mit insgesamt 834 Patienten zusammengefasst wurden. weiterlesen...


Kommunizierter Placeboeffekt

Wenn ein Medikament ohne Wirkstoff positiv auf das Wohlbefinden wirkt, widerspricht das der naturwissenschaftlichen Erwartung. Gut belegt ist, dass dieser Placeboeffekt von der Hoffnung des Patienten getragen wird. Aber offensichtlich ist auch die Überzeugung des Arztes ein wichtiger Faktor beim Placeboeffekt. weiterlesen...