Krise durch Vergleich mit extrovertierten Internet-Stars
Soziale Medien und TV-Serien machen Jugendliche depressiv
Erst durch das Smartphone wurde mobiles Internet zum Jugendphänomen. Inzwischen besitzen laut KIM Studie mehr als die Hälfte der 6 - 13 jährigen Kinder ein „schlaues“ Mobiltelefon, bei älteren Jugendlichen (12 - 19 Jahre) sind es laut JIM Studie über 97%. Doch offensichtlich ist nicht das Gerät an sich oder Nutzungsdauer ein Risiko für depressive Episoden oder eine manifeste Depression.
Depressionen und depressive Verstimmungen sind unter Jugendlichen genauso häufig, wie in anderen Alterskohorten. Doch in der sensiblen Lebensphase können solche Episoden nachhaltig wirksame Folgen mit sich bringen: Das Engagement in Schule und Ausbildung verebbt, soziale Beziehungen werden vernachlässigt, das Selbstwertgefühl schwindet. Diese „Symptomatik“ erkennen Beobachter, insbesondere besorgte Eltern, auch, wenn Heranwachsende am Computer oder Smartphone viele Stunden „verdaddeln“. Doch nicht jeder Jugendliche, der viel Zeit mit Internetangeboten verbringt ist dadurch automatisch gefährdet, depressiv zu werden. Womöglich ist es auch so, dass sich junge Menschen mit Neigung zur Depression zu bestimmten Inhalten im Internet hingezogen fühlen.
Ein Forscherteam der Universität Montreal (Kanada) hat für eine Studie über mehrere Jahre an 31 Schulen insgesamt 3.826 Schüler (zu Beginn im Durchschnitt 12,7 Jahre alt) der 7. bis 11. Klasse zu ihrem Internetkonsum befragt und standardisierte Fragebogen zun psychischen Befinden ausfüllen lassen (Brief Symptoms Inventory, Rosenberg Self-Esteem Scale) sowie zu ihren Freizeitsportaktivitäten befragt. Bei dieser Längsschnittstudie (Langzeitstudie, bei der die selben Probanden im Zeitverlauf mehrfach befragt werden) identifizierten die Forscher zwei sehr beliebte Smartphone-Anwendungen als psychiatrisch problematisch: Soziale Netzwerke und Filmserien.
Besonders strikt erwies sich der Zusammenhang zwischen der passiven Rezeption von Meldungen aus sozialen Netzwerken (Facebook, Instagram, YouTube) und dem Anstieg depressiver Symptome; mit jeder Stunde täglicher Verweildauer stieg das Risiko. Dieser Effekt zeigte sich nicht nur im Vergleich mit Altersgenossen, sondern auch im Verlauf der individuellen Biographie.
Die Forscher erklären diese Korrelation mit der „upward social comparison“-Theorie: Durch den ständigen Vergleich mit Anderen - sich stets in optimaler Pose präsentierenden - leidet das Selbstbild. Die Jugendlichen nutzen nicht mehr sich selbst als Referenz (Das kann ich heute besser als vor vier Wochen), sondern die vielfach mit großen Aufwand gestylten und inszenierten Darstellungen von Menschen mit einem „optimalen Leben“. Ein Vergleich, in dem ein normaler Jugendlicher nur unterliegen kann. Viele können damit leben, bei anderen sinkt das Selbstwertgefühl und depressive Stimmung entsteht, der soziale Rückzug bewirkt Schweigsamkeit im Internet. Durch den „reinforcing spiral process“ kann dieser Effekt wie eine psychische Abwärtsspirale die Depressivität verstärken, wenn eigene Postings seltener werden, dadurch die eigene Attraktivität in den sozialen Netzwerken sinkt und infolgedessen die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild und dem optimalen Leben der Anderen weiter wächst.*
Ähnlich belastend sind die Auswirkungen intensiven, lang anhaltenden Fernsehkonsums, wie er beim Binge-Watching (mehrere Folgen einer Serie hintereinander ansehen) über das Internet oder über Streamingdienste üblich geworden ist. Auch dieses Verhalten ist mit erhöhtem Risiko für Depressivität verbunden - als Ursache oder als Folge.
Für eine andere Lieblingsbeschäftigung von Jugendlichen im Internet, die im Verdacht steht, psychische Probleme zu provozieren oder damit assoziiert zu sein, konnte dagegen kein Zusammenhang festgestellt werden: Das Online-Spielen. Entgegen der landläufigen Annahme sind die „Gamer“ weder psychiatrisch auffällig noch sozial isoliert. Denn heutzutage spielen die Jugendlichen gemeinsam mit anderen, auch wenn sie als Person allein vor dem Computer oder am Smartphone sitzen. Der Kontakt über das Internet könnte durchaus positive Gefühle generieren, erklären die Forscher. Unproblematisch ist das Verhalten jedoch nicht, denn die Gamer hatten insgesamt ein niedrigeres Selbstvertrauen als andere Jugendliche, das sich mit der Zeit auch noch verschlechterte. Es kam jedoch nicht zu den drastischen Veränderungen wie bei einer intensiven Nutzung der sozialen Medien.
Insgesamt überwiegt für die Forscher der interpersonale Charakter der Onlinekommunikation unter Jugendlichen. SMS, Messangerdienste (WhatsApp, Threema), Online-Foren und auch vieles was über Soziale Medien ausgetauscht wird, stabilisiert soziale Beziehungen und stärkt die sozialen Bindungen. Doch psychosoziale Chancen und Risiken gehen meist Hand in Hand. Podcasts und YouTube-Videos können auch Nachhilfeunterricht und Volkshochschule ersetzen. Auf der anderen Seite steigt durch den steten Vergleich mit anderen - in der Selbstdarstellung talentierteren Altersgenossen - bei unsicheren Menschen der soziale Druck ebenso „gut“ zu werden (was zuverlässig misslingt) oder sich sozial zurückzuziehen. Dies kann der fatale Einstieg in die selbststabilisierende Spirale zur Depression sein.
* Ein ähnlicher Zusammenhang soll auch zwischen Wetter, depressiver Verstimmung und Depression bestehen. Breitet sich bei typischem Novemberwetter in der Bevölkerung depressive Stimmung aus, so empfinden dies viele Menschen mit Neigung zu Depression als wenig belastend. Ganz anders die Situation bei Sonnenschein im Frühling, wenn bei allen anderen Fröhlichkeit erwacht, wird die eigene Depressivität besonders drastisch empfunden.
Quellen: Boers, E. et al. (2019): Association of Screen Time and Depression in Adolescence. Journal of the American Medical Association (JAMA) Pediatry, online veröffentlicht 15.7. 2019
Feierabend, S. et al. (2018a): KIM-Studie 2018 (Kindheit, Internet, Medien) - Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest.
Feierabend, S. et al. (2018b): JIM-Studie 2018 (Jugend, Information, Medien) - Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest.
Erstellt am 21. Juli 2019
Zuletzt aktualisiert am 21. Juli 2019
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