Oft überwiegen die Vorteile bewährter Arzneimittel

Vom Nutzen neuer Medikamente

von Holger Westermann

Zentrale Aufgabe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ist die Frühe Nutzenbewertung für pharmazeutische Wirkstoffen und Darreichungsformen von Arzneimitteln mit Blick auf die Kosten für die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Denn „neu“ bedeutet in der Regel auch „teurer“ - doch dann sollte es auch nachweislich „besser“ sein. Genau das ist sehr häufig nicht der Fall.

Soll eine neues Arzneimittel auf den europäischen Markt kommen wird zuerst anhand von medizinisch-wissenschaftlichen Studien durch die Europäische Zulass­ungs­behörde (EMA) deren Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität bewertet. Dabei muss der Gesundheitsnutzen im Rahmen der beabsichtigten Therapie (beantragte Zulassung) einen möglichen Schaden durch Nebenwirkungen deutlich übertreffen. Vergleichsgröße ist dabei eine Abgabe von Placebo, also eine wirkstofffreie Scheintherapie.

Erst im zweiten Schritt wird auf den konkreten Nutzen für die Patienten und auf den Zusatznutzen gegenüber der bisherigen Standardtherapie geprüft. Die Bewertung orientiert sich nun nicht mehr an der Placebo-Null-Linie, sondern an dem aktuellen Stand der Medizin. Nur echter Fortschritt mit Verbesserung soll als „Neues“ neben das bewährte „Alte“ treten. Ausgebremst werden dadurch sogenannte Scheininnovationen und me-too-Präparate („me too“ = „ich auch“ für sehr ähnliche, aber wirkungsgleiche Substanzen) , die zwar „neu“ und „teuer“ sind, aber nicht besser.

Zuständig für diese Bewertung ist hierzulande das IQWiG. In den Jahren 2011 bis 2017 fielen dabei 216 neu auf den deutschen Markt gekommene Arz­nei­mittel durch. Das entspricht 58% der Anträge, für die kein patientenrelevanter Zusatznutzen im Vergleich zur Standardtherapie festgestellt werden konnte. Letztendlich ist dies ein Beleg für die Notwendigkeit dieser Prüfung. So wurden den GKV und ihren Versicherten nicht nur unnötige Kosten erspart, sondern mit großer Sicherheit auch weitreichende Gesundheitsprobleme. Denn bei neuen Medikamenten wurde die Verträglichkeit zwar geprüft, in der Regel aber an gesunden Testpersonen. Interaktionen mit zusätzlichen Erkrankungen oder mit anderen Medikamenten treten erst bei der Anwendung im Patientenalltag auf. Bei bewährten Arzneimitteln liegen diese Erfahrungswerte bereits vor und können berücksichtigt werden. Das gilt insbesondere bei Dauertherapien; für neue Arzneimittel können noch gar keine Folgen einer langjährigen Einnahme bekannt sein. Insofern kann „alt“ für den Patienten auch „vertrauenswürdig“ bedeuten. Dem gegen über darf man sich darauf verlassen, dass ein neues Medikament, dessen Kosten von der GKV übernommen werden, auch tatsächlich einen Fortschritt in der Therapie mit sich bringt.

Deshalb wird die Sonderregelung für „traditionelle pflanzliche Arzneimittel“ und „Homöopathika“ so heftig kritisiert. Hier ist kein Nachweis der behaupteten Wirkung durch klinische Studien notwendig. Dennoch erstatten viele gesetzlich Krankenkassen die Therapiekosten. Patienten können in diesem Fall nicht darauf vertrauen, dass Kostenübernahme eine Garantie für Wirksamkeit und Nützlichkeit ist.

Wenn schon mehr als die Hälfte der mit erheblichem finanziellen Aufwand entwickelten und geprüften Arzneimittel das positive Attest durchs IQWiG verwehrt werden muss, wie wahrscheinlich ist es dann, dass ausgerechnet neue „Wundermittel“ oder „geheime Rezepturen“ diesen Ansprüchen genügen? Wer darauf setzt, bezeichnet auch das Ausfüllen eines Lottoscheins als Erwerbsarbeit mit geregeltem Einkommen.

Quellen:

Wieseler, B. et al. (2019): New drugs: where did we go wrong and what can we do better? Britsh Medical Journal 366: 4340, online veröffentlicht 10.7.2019. DOI: 0.1136/bmj.l4340

Westermann, H. (2019): Homöopathie-Hersteller droht Kritikern. Menschenswetter Artikel 1672, online veröffentlicht 18.07.2019.

Erstellt am 19. Juli 2019
Zuletzt aktualisiert am 19. Juli 2019

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Reichlich Regen durch Reigen kräftiger Atlantiktiefs

Ein Novemberwetter wie aus dem Bilderbuch: Grauer Himmel, Regen, Wind und nur sporadisch Sonnenschein. Dabei werden die lichten Tage rasch kürzer, damit schrumpft auch die Zeit für eine Erwärmung des Bodens und der bodennahen Luftschicht durch Sonnenstrahlung. Er wird sukzessive kälter. Alsbald fällt auch in den Mittelgebirgslagen der erste Schnee der Saison. weiterlesen...


Admarker

Das Projekt Menschenswetter

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

 

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

  weiterlesen...


Depressiv durch Heuschnupfen

Die Symptome stören und bieten den Mitmenschen in direkter Umgebung keine attraktive Gesellschaft: geschwollene Lider, rote tränende Augen, „laufende“ Nase und minutenlanges Niesen. Hinzu kommen die unsichtbaren Leiden wie Kratzen im Hals und Rachen sowie Schlafstörungen - die das Körpergefühl der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Jugendliche leiden besonders intensiv darunter, da sie sich aufgrund dieser Symptome der Pollenallergie von der Gemeinschaft Gleichalter ausgeschlossen fühlen. Unerwartet oft ist Depressivität die Folge. weiterlesen...


Herzinfarkt ist ein Privileg der Menschheit

Selbst Schimpansen im Zoo, die ein unnatürliches Alter erreichen und im Vergleich zu wildlebenden Artgenossen übergewichtig sind, kennen keine Arterienverkalkung und keinen klassischen Herzinfarkt. Menschen sind, abgesehen von eigens gezüchteten Labormäusen, die einzigen Säugetiere mit einem hohen Risiko für Arteriosklerose, Gefäßverschluß und Herztod. Ein entbehrliches Privileg, das sich jedoch aus gutem Grund in der Evolution der Menschen durchsetzen konnte. weiterlesen...


Anhaltende Hitze züchtet potentiell pathogenen Pilz

Die meisten Arten der Candida-Hefepilze sind unproblematisch, doch wenige können Krankheiten hervorrufen sowie durch andere Erkrankungen oder therapeutische Maßnahmen (beispielsweise Beatmung) geschwächte Patienten besiedeln. Dazu müssen die Pilze im Körper bei rund 37°C überleben und wachsen können - das gelingt seit einigen Jahren auch aggressiven Formen. weiterlesen...


Nutzlose Nahrungsergänzungsmittel

Das Verkaufsargument für Präparate zur Gesundheitsvorsorge ist trickreich: Kauf es, schluck es und Du wirst zukünftig weniger krank und gebrechlich - doch niemals wirst Du wissen, ob sich Deine Gesundheit ohne diese Investition schlechter entwickelt hätte. weiterlesen...