Kontaminierte Luft beeinträchtigt die Lungenfunktion

Erhöhtes Risiko für COPD durch Luftverschmutzung

von Holger Westermann

Maximal belastet ist die Atemluft von Rauchern und Passivrauchern. Dabei ist gleichgültig was und wie geraucht wird, ob man direkt verbrannten Tabak inhaliert oder per Wasserpfeife schmaucht oder modern Verdampfer nutzt - hierzulande ist ein Spitzenplatz unter den Schadstoffeinatmern garantiert. Doch auch ein Wohnort an stark befahrenen Straßen kann schaden, wenn auch deutlich weniger.

Wer ständig mit Schadstoffen belastete Luft einatmet, muss mit einem erhöhten Risiko leben, dass in den Atemwegen eine Entzün­dungs­reaktion beginnt, durch die sich die Bronchien dauerhaft verengen und die Lungenfunktion immer weiter eingeschränkt wird. Diese fortschreitende Erkrankung  wird chronisch-obstruktive Lungener­krankung (chronic obstructive pulmonary disease), COPD genannt und ist weltweit die dritthäufigste Todesursache (Studie: Global Burden of Disease).

Ein Gutteil dieser Erkrankungen und Todesfälle geht auf die Hausfeuerung mit offenem Feuer zurück. Betroffene sind in diesen Kulturen meist die Frauen am Herd im Haus oder in der Hütte. Hierzulande sind dagegen zumeist Männer betroffen, denn vor 20 Jahren gab es deutlich mehr männliche als weibliche Raucher. Auch die Staubbelastung am Arbeitsplatz traf zumeist Männer im Kohlenbergbau oder im Steinbruch, in der Keramik-, Glas-, Stahl- und der Eisenindustrie, beispielsweise Gießereien aber auch in der Holzverarbeitung (Sägemehl) und in Bäckereien oder Mühlen (Mehlstaub). Dieses Berufsrisiko konnte inzwischen durch moderne Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz deutlich reduziert werden.

Doch inzwischen kommt eine besonders aggressive Form der COPD wieder zurück, die Silikose. Diese rasch zu Beschwerden und Tod führende Erkrankung entsteht durch das Einatmen von Quarzstaub (SiO2), der beispielsweise für die Herstellung modischer Vintage-Jeans im used-look oder destroyed-look eingesetzt wird. Viele dieser Arbeiter erkranken aufgrund der hohen Staubbelastung bereits nach sechs Monaten - ohne Chance auf Heilung. Infolgedessen wurde im März 2009 in der Türkei das Sandstrahlen von Jeansstoff verboten. Damit verschwindet die „modische“ Gesundheitsbelastung aber nicht, denn einerseits arbeiten die meisten der gern als „Wäscherei“ firmierenden Kleinstbetriebe in einer kaum zu kontrollierenden Grauzone und andererseits wurde die Produktion nach Ägypten, Jordanien, Bangladesch oder China verlegt.

Solche extreme Belastungen muss hierzulande niemand mehr ertragen. Dennoch kann die Atemluft gesundheitsschädlich belastet sein. Britische Forscher untersuchten nun die Wirkung von Feinstaub (PM10, Partikelgröße maximal 10 Mikrometer), Feinststaub (PM2,5) und Stickstoff­di­oxid (NO2) auf die Lungenfunktion und das Risiko an COPD zu erkranken. Dazu werteten sie die Daten der UK Biobank-Studie der Jahre 2006 bis 2010 mit 303.887 Teilnehmern, die eine Lungenfunktionsprüfung durchgeführt hatten. Dabei ergab sich eine Korrelation zwischen der Schadstoffbelastung am Wohnort und nachlassender Lungenfunktion sowie COPD-Risiko. Als besonders kritisch erwies sich dabei die PM2,5-Konzentration. Wurde der Grenzwert der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) von 10 µg/m3 Atemluft überschritten, erkrankten die Menschen viermal häufiger an COPD als Menschen, die zu Hause Passivrauchen ausgesetzt waren. Das COPD-Risiko lag damit halb so hoch wie bei Rauchern oder Exrauchern.

Die Forscher betonen jedoch, dass diese Studie nichts über die Ursachen dieses statistischen Zusammenhangs aussagt. Hier können weitere Gründe ausschlaggebend sein, beispielsweise Belastung am Arbeitsplatz oder Lebensstil. So fällt auf, dass Menschen mit vergleichsweise niedrigem Einkommen eine doppelt so hohe Einschränkung der Lungenfunktion und dreifach so hohes COPD-Risiko erfuhren wie Menschen mit höherem Einkommen - im selben Wohnumfeld. Die Forscher vermuten, dass sich hier langfristig wirksame Effekte zeigen, wie eine weniger gesunde Ernährung oder Bewegungsmangel, zurückhaltendere Nutzung der (in Großbritannien staatlichen) Gesundheitsversorgung und andere Begleiterscheinungen von Armut.

Solche Forschungsergebnisse befeuern die Diskussion um Grenzwerte für die Schadstoffbelastung der Atemluft. Warum werden die Limits für die Luft im Straßenverkehr enger gezogen als am Arbeitsplatz? Dort sind viermal so hohe Werte zulässig, obwohl die Menschen dort zumindest acht Stunden täglich ausharren müssen, während nur wenige so ausgiebig entlang viel befahrener Straßen spazieren. Das häufig bemühte Argument: nur weitgehend gesunde Menschen gehen regelmäßiger Erwerbsarbeit nach, doch an den Straßen bewegen sich auch Menschen mit bereits angegriffener Gesundheit. Diese vor gefährlicher Zusatzbelastung zu schützen ist Ziel der strengeren Grenzwerte.

Denn hierzulande ist die Atemluft auch in Städten besser als in anderen urbanen Regionen der Welt, auch besser als die Luft früher war. Am 28. April 1961 zitierte der spätere Bundeskanzler Willy Brandt in der Godesberger Stadthalle aus dem Wahlprogramm seiner Partei: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“. Damals war das ein gewagtes Versprechen, heute ist es gesunde Realität - die man zweifellos noch verbessern kann.

Quellen:

Doiron, D. et al. (2019): Air pollution, lung function and COPD: results from the population-based UK Biobank study. European Respiratory Journal, online veröffentlicht 8.7. 2019. DOI: 0.1183/13993003.02140-2018.

Zylka-Menhorn, V.; Grunert, D. (2019): Feinstaub und Stickstoffverbindungen: Die Krux mit den Grenzwerten. Deutsches Ärzteblatt 116 (5): A-200 / B-172 / C-172, online veröffentlicht 1.2. 2019.

Erstellt am 17. Juli 2019
Zuletzt aktualisiert am 17. Juli 2019

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Elektrisierende Vorweihnachtszeit

Allerorten erstrahlt nun wieder die elektrische Weihnachtsbeleuchtung der Einkaufsstraßen, mancher hat schon Wohnung, Haus und Garten festlich illuminiert - doch das ist kein Thema für Menschenswetter. Doch die aktuelle Kälte wirkt nicht nur auf die Gesundheit, sondern auch überraschend elektrisierend. Denn in kalter Luft steigt die Chance einen harmlosen aber erschreckenden elektrischen Schlag zu bekommen. weiterlesen...


Admarker

Das Projekt Menschenswetter

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

 

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

  weiterlesen...


Für den positiven Effekt genügt schon eine Trainingseinheit

Sport strafft den Körper, verlängert die Ausdauer, erfrischt den Geist und befreit das Gemüt. Der dazu notwendige Aufwand wird von vielen Menschen überschätzt. In einer kleinen experimentellen Studie mit betagten Bewegungsmuffeln bewirkte schon moderates aber regelmäßiges Engagement eine deutliche Verbesserung. weiterlesen...


Depressiv durch Heuschnupfen

Die Symptome stören und bieten den Mitmenschen in direkter Umgebung keine attraktive Gesellschaft: geschwollene Lider, rote tränende Augen, „laufende“ Nase und minutenlanges Niesen. Hinzu kommen die unsichtbaren Leiden wie Kratzen im Hals und Rachen sowie Schlafstörungen - die das Körpergefühl der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Jugendliche leiden besonders intensiv darunter, da sie sich aufgrund dieser Symptome der Pollenallergie von der Gemeinschaft Gleichalter ausgeschlossen fühlen. Unerwartet oft ist Depressivität die Folge. weiterlesen...


Herzinfarkt ist ein Privileg der Menschheit

Selbst Schimpansen im Zoo, die ein unnatürliches Alter erreichen und im Vergleich zu wildlebenden Artgenossen übergewichtig sind, kennen keine Arterienverkalkung und keinen klassischen Herzinfarkt. Menschen sind, abgesehen von eigens gezüchteten Labormäusen, die einzigen Säugetiere mit einem hohen Risiko für Arteriosklerose, Gefäßverschluß und Herztod. Ein entbehrliches Privileg, das sich jedoch aus gutem Grund in der Evolution der Menschen durchsetzen konnte. weiterlesen...


Anhaltende Hitze züchtet potentiell pathogenen Pilz

Die meisten Arten der Candida-Hefepilze sind unproblematisch, doch wenige können Krankheiten hervorrufen sowie durch andere Erkrankungen oder therapeutische Maßnahmen (beispielsweise Beatmung) geschwächte Patienten besiedeln. Dazu müssen die Pilze im Körper bei rund 37°C überleben und wachsen können - das gelingt seit einigen Jahren auch aggressiven Formen. weiterlesen...