Nicht alle Wirkstoffe sind problematisch

Provozieren TNF-Blocker entzündliche Darmerkrankungen?

von Holger Westermann

Biologika sind hochwirksame Arzneimittel gegen Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis und Psorisasis-Arthritis aber auch chronische Darmentzündung (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa). Vielen Menschen konnte mit diesen neuen Medikamenten (Markteinführung 2002) geholfen werden, in dem vormals unabwendbar fortschreitende Erkrankungen mit hohem Leidensdruck zum Stillstand gebracht wurden. Doch nun stehen einige dieser Medikamente im Verdacht Erkrankungen zu fördern, die sie eigentlich bremsen sollten.

Die gezielte Blockade des Tumornekrosefaktor alpha oder beta (TNF) war ein Durchbruch in der Therapie von Autoimmunerkrankungen. Endlich konnte die entzündungsbedingte Zerstörung von Gewebe gestoppt werden. Menschen mit der Diagnose rheumatoide Arthritis dürfen seither auf ein Leben ohne Funktionseinschränkung der Gelenke hoffen, Menschen mit chronischer Darmentzündung auf ein Abklingen der Beschwerden. Insofern erstaunen Ergebnisse einer Arbeitsgruppe am Brigham and Women’s Hospital in Boston (Massachusetts, USA) an einem Datensatz aller 17.018 Patienten, die seit 1994 in Dänemark wegen Auto­immunerkrankungen mit TNF-Blockern behandelt wurden. Es ergab sich in dieser Gruppe eine erhöhte Wahrscheinlichkeit unter der Biologika-Therapie neu an Morbus Crohn und/oder Colitis ulcerosa zu erkranken. Der Effekt war zwar gering, es handelt sich um 87 Fälle (unter 17.018) im Vergleich zu 309 unter 63.308 Patienten mit Autoimmunerkrankungen, die keine TNF-alpha-Blocker erhalten hatten.

Bei genauer Betrachtung nach einzelnen Wirkstoffen war diese Korrelation mit Etanercept (Enbrel®) besonders hoch, während für andere Wirkstoffe wie Infliximab (Remicade®) und Adalimumab (Humira®) kein erhöhtes Risiko festgestellt werden konnte. Für andere, weniger verbreitete Wirkstoffe waren die Fallzahlen zu gering, um eine spezielle Auswertung vorzunehmen. Die Ergebnisse der Studie bedeuten nicht, dass die modernen Medikamente die Erkrankungen verursachen. TNF-alpha-Blocker werden bei besonders schwerem Krankheitsverlauf eingesetzt, nachdem sich andere Therapieoptionen als nicht hinreichend wirksam erwiesen haben. Insofern kann die Korrelation auch Zufallsbefund sein, der keinen kausalen Zusammenhang bedeutet. Für Patienten ist eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber typischen Symptomen einer Darmentzündung zu empfehlen - und im Verdachtsfall sollten sie frühzeitig mit ihrem Arzt sprechen.

Quellen:

Korzenik, J. et al. (2019): Increased risk of developing Crohn’s disease or ulcerative colitis in 17 018 patients while under treatment with anti‐TNFα agents, particularly etanercept, for autoimmune diseases other than inflammatory bowel disease. Alimentary Pharmacology an Therapeutics, online veröffentlicht 2.7. 2019. DOI: 10.1111/apt.15370.

Erstellt am 6. Juli 2019
Zuletzt aktualisiert am 6. Juli 2019

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