Keine wichtigen Prüfungen im Sommersemester

Hitze schwächt das Denkvermögen

von Holger Westermann

Kühlt es nachts nicht hinreichend ab, verschlechtert sich die Schlafqualität. Fällt die Lufttemperatur bei Nacht nicht unter 20°C, sprechen Meteorologen von einer Tropennacht. Bei hoher Luftfeuchte kann die gefühlte Temperatur auch bei niedrigerem Thermometerwert tropisch wirken. Dann leiden nicht nur Menschen mit ohnehin schon angegriffener Gesundheit, auch junge Studenten zeigen erhebliche Leistungsdefiziten und Konzentrationsprobleme.

In einer kleinen Studie untersuchten Umweltmediziner der Harvard T.H. Chan School of Public Health (Harvard University, Boston, Massachusetts, USA) den Einfluss von Hitze auf die geistige Leistungsfähigkeit von Studenten. Dazu verglichen sie die Testergebnisse von 44 Kommilitonen, wobei 24 in klimatisierten Wohnheimzimmern lebten (stabile Durchschnittstemperatur von 21,4°C) und 20 in einem Gebäude ohne Kühlung (Durchschnittstemperatur 26,3°C; Maxima bis 30,4°C). Der frühmorgendliche Konzentrationstest am Smartphone lief über 12 Tage; vor - während - nach einer Hitzeepisode. Bei der Interpretation der Ergebnisse wurde auch auch die Lärmbelastung und die Luftfeuchte in den Räumen sowie die Schlaf-, Trink- und Aktivitätsmuster der Studenten berücksichtigt.

Während der Hitzewelle waren die Studenten in klimatisierter Umgebung mehr als 13% schneller und auch 13% präziser als ihre Kommilitonen, die der Hitze ohne Kühlung ausgesetzt waren. Inwiefern dieser Früh-am-Morgen-Effekt sich auch auf die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit tagsüber auswirkt, wurde nicht geprüft. Relevant und brisant sind die Ergebnisse allemal, denn die Forscher betonen: „Die meiste Forschung zu Auswirkungen von Hitze auf die Gesundheit wurde an Risikogruppen, etwa Älteren, gemacht. So entstand der Eindruck, dass die Allgemeinbevölkerung durch Hitzewellen nicht beeinträchtigt wird“. Das konnte nun widerlegt werden. Auch allgemein gesunde und fitte Menschen in einer biographisch frühen Phase (ohne Sonderbelastungen wie beispielsweise der Pubertät) müssen bei Hitze eine physiologisch bedingten Konzentrationsschwäche kompensieren. Inwiefern die Hitze an sich oder die reduzierte Schlafqualität in Tropennächten (Temperatur sinkt nicht unter 20°C) für diesen Effekt verantwortlich ist, wurde nicht untersucht.

So leiden laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK-Gesundheit (vormals Deutschen Angestellten Krankenkasse) an 1.002 Männern und Frauen klagen 45% der Bundesbürger über gesundheitliche Probleme bei Hitze (54% der Frauen, 36% der Männer). Von den Betroffenen nennen 75% allgemeine Abgeschlagenheit und 62% Schlafstörungen, rund 34% wird schwindelig, ebenso viele bekommen Kopfschmerzen (mehrere Symptome möglich). Bemerkenswert ist jedoch, dass in Norddeutschland und Ostdeutschland die Quote der Hitze-Betroffenen erheblich höher ist (rund 50%) als im häufiger heißen Bayern (32%). Dies könnte daran liegen, dass der Norden und Osten näher an der weit nördlich verlaufenden Zugbahn von Tiefdruckgebieten liegt. Beim Durchzug eines Tiefs kommt es zu markanten Temperaturwechseln - womöglich ist das Auf und Ab der gefühlten Temperatur (verstärkt durch den Wechsel der Luftfeuchte und der oftmals hohen Windgeschwindigkeit) eher relevant für die empfundene Hitzebelastung als der absolute Thermometerwert.

Insofern könnte die gleichbleibende Temperatur in klimatisierten Studentenwohnheimen doppelt positiv wirken: durch besseren Schlaf (niedrige Nachttemperatur) und eine geringere dynamisch-thermische Belastung (Temperaturwechsel).

Quellen:

Laurent, J.G.C. et al. (2018): Reduced cognitive function during a heat wave among residents of non-air-conditioned buildings: An observational study of young adults in the summer of 2016. PLoS Med 15 (7): e1002605. DOI: 10.1371/journal.pmed.1002605

Erstellt am 30. April 2019
Zuletzt aktualisiert am 30. April 2019

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Kleine Gewitterkunde

Blitz und Donner gehören zum Sommer wie Sonnenschein und Hitze. Dabei gibt es Tage ganz ohne Gewittergefahr, doch anderntags verrät die Schwüle bereits am Vormittag, dass genau hier heute noch damit zu rechnen ist. Eine weitere Version tritt auf, wenn nach einer Hitzewelle Abkühlung angekündigt ist. So unterschiedliche Ursachen, so unterschiedlich heftig können Gewitter toben - als eng begrenztes kurzzeitiges Wärmegewitter, als Gewitterfront oder als Superzelle mit enormem Zerstörungspotential. weiterlesen...


Admarker

Ratgeber von Menschenswetter Redakteur Holger Westermann für die Deutsche Fibromyalgie Vereinigung (DFV) e.V.

Ratgeber Fibromyalgie weiterlesen...


Vom Nutzen neuer Medikamente

Zentrale Aufgabe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ist die Frühe Nutzenbewertung für pharmazeutische Wirkstoffen und Darreichungsformen von Arzneimitteln mit Blick auf die Kosten für die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Denn „neu“ bedeutet in der Regel auch „teurer“ - doch dann sollte es auch nachweislich „besser“ sein. Genau das ist sehr häufig nicht der Fall. weiterlesen...


Admarker

Das Projekt Menschenswetter

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

 

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

  weiterlesen...


Risikoverhalten: Patienten flunkern in der Praxis

Für eine sichere Diagnose und eine erfolgreiche Therapie sind Ärzte auf die Mitwirkung der Patienten angewiesen. Da hilft es nicht, „dem Arzt zuliebe“ kurz vor dem Praxisbesuch ausnahmsweise die verordnete Abstinenz zu halten oder die regelmäßige Medikamenteneinnahme vorzutäuschen. Die Beschreibung der Beschwerden und die korrekte Einschätzung der therapietreue durch den Patienten sind wichtige Informationsquellen. Sie müssen daher präzise und vollständig sein - doch oft verführen Scham und Sorge um den „guten Eindruck“ zum Flunkern. weiterlesen...


WHO definiert Burnout

„Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Burnout erstmals offiziell als Krankheit anerkannt.“ liest man derzeit auf vielen Nachrichtenseiten. Doch tatsächlich steht in der WHO-Meldung: Burn-out ist (… ein) berufliches Phänomen, es ist nicht als ein medizinischer Zustand eingestuft. Es wird im Kapitel „Einflussfaktoren auf den Gesundheitszustand oder den Kontakt mit Gesundheitsdiensten“ beschrieben. Darin sind Gründe aufgeführt, aus denen Personen mit Gesundheitsdiensten in Kontakt treten, die jedoch nicht als Krankheiten oder Gesundheitszustände eingestuft werden. weiterlesen...