Erinnerung an Schmerzerlebnis beeinflusst das Schmerzgedächtnis

Geschlechtertypische Schmerzwahrnehmung

von Holger Westermann

Frauen und Männer regieren nach einem vergangenen Schmerzerleben unterschiedlich auf akuten Schmerz. Wird am Ort der Schmerzerfahrung der selbe Schmerzort stimuliert, zeigen Männer schon bei harmlosen Reizen eine übertrieben heftige Reaktion. Frauen bleiben dagegen davon unbeeindruckt und reagieren adäquat auf den aktuellen Schmerzreiz.

Wie so oft in der Wissenschaft begann alles mit einem überraschten Nanu-Erlebnis. Die so oft bemühten Aha-Erlebnisse stellen sich zumeist erst nach intensiver Forschungsarbeit ein. Während einer Untersuchung zur Relevanz von Schmerzerfahrung von Mäusen fiel Medizinern auf, dass männliche Mäuse auch bei harmloser Schmerzstimulation extrem heftige Reaktionen zeigten, wenn man sie an den selben körperlichen Schmerzorten und in der selben Umgebung erneut reizte. Bei weiblichen Mäusen blieb dieser Erinnerungseffekt aus. Für die Forscher war damit Neugierde geweckt: „Wir wollten dann sehen, ob es ähnliche Unterschiede auch beim Menschen gibt“.

In einem kleinen Experiment wurden 41 Männern und 38 Frauen (18 und 40 Jahre alt) in einen Raum geführt und dort am linken Arm moderatem Hitzereiz ausgesetzt. Die Probanden sollten anschließend ihr individuelles Schmerzempfinden auf einer 100-Punkte-Skala quantifizieren. Direkt danach mussten die Versuchsteilnehmer deutlich stärkere Schmerzreize erdulden, indem sie mit einer eng angelegten (bis zum einheitlichen Wert aufgepumpten) Blutdruckmanschette 20 Minuten lang Fitnessübungen absolvierten. Nun lag der Schmerzwert der 100-Punkte-Skala bei fast allen Beteiligten über 50.

Den Effekt dieser Schmerzerfahrung (Umgebung und Schmerzort) prüften die Forscher am nächsten Tag. Die Probanden wurden wie am Vortag im selben Raum mit dem selben leichten Hitzereiz stimuliert. Unter diesen Bedingungen bewerteten Männer den Schmerz deutlich höher als am Tag zuvor. Bei weiblichen Probanden war dieser Effekt nicht zu beobachten. Offensichtlich gibt es geschlechtertypische Unterschiede beim Einfluss der Schmerzerfahrung auf das Schmerzempfinden.

Für das Validierungsexperiment wurden wiederum Mäusemännchen drangsaliert. Wenn die Forscher durch ein Medikament deren Erinnerungen löschten, verschwand auch die überempfindliche Schmerzreaktion. Die Männchen verhielten sich dann wie Weibchen. Die Forscher vermuten, dass geschlechtertypische Stressverarbeitung für dieses Phänomen verantwortlich sind. So berichteten die Männer während des zweiten Versuchstages, dass sie sich beim erneuten Betreten des Experimentalraums spontan an die schmerzhaften Fitnessübungen erinnerten und infolgedessen stark gestresst fühlten. Auf Frauen wirkte die Umgebung mit Schmerzerinnerungen dagegen weniger stressauslösend.

Womöglich spielt das Sexualhormon Testosteron eine relevante Rolle, denn kastrierte männliche Mäuse waren ebenso stressunempfindlich wie weibliche. Auf ein weiteres Validierungsexperiment an Menschen verzichteten die Forscher.

Quellen:

Martin, L.J. et al. (2019): Male-Specific Conditioned Pain Hypersensitivity in Mice and Humans. Current Biology, online veröffentlicht 10.1. 2019. DOI: 10.1016/j.cub.2018.11.030

Erstellt am 24. April 2019
Zuletzt aktualisiert am 24. April 2019

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