Ehemals exzessiver Alkoholkonsum schadet auch noch während der Abstinenz
Intelligenz säuft - und verträgt das auch langfristig
Der sozioökonomische Status ist ein relevantes Kriterium für die Folgen des Alkoholkonsums auf die Gesundheit. Menschen in persönlich komfortablen oder gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen schlagen Schnaps, Wein und Bier weit weniger auf Herz, Kreislauf und Blutgefäße als Menschen, die unter problematischen Bedingungen leben.
Der Spruch ist so alt wie die Eitelkeit von Jungakademikern: Dummheit frisst, Intelligenz säuft! Womöglich beruht diese sozioökotrophologische These auf der Beobachtung, dass die vormals ausschließlich männliche Studentenschaft beim exzessiven Zechen vergaß, Geld für Mahlzeiten zurückzuhalten. Zeitgenossen, die körperlich schwer arbeiten mussten, konnten sich diesen Lebensstil nicht leisten - und mussten sich dafür auch noch verspotten lassen. Doch offensichtlich wird die Gesundheit von gutsituierten Menschen durch regelmäßigen Alkoholkonsum weit weniger beeinträchtigt als bei Menschen der unteren sozioökonomischen Schicht.
Ein medizinisches Forscherteam aus Norwegen untersuchte (2018) den Einfluss des sozialen Status auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit von Menschen mit vergleichbaren Trinkgewohnheiten Die Untersuchung an 207.394 Erwachsenen mittleren Alters lief über durchschnittlich 16,6 Jahre, derweil starben 8.435 Menschen infolge einer Herz- oder Gefäßerkrankung, davon etwa 2.000 an einem Schlaganfall. Dabei zeigte sich, dass Mitglieder der oberen Gesellschaftsschicht rascher von einem grundsätzlich geringen Konsum oder einer (vorübergehenden) Reduzierung oder Abstinenz profitierten, als Vergleichspersonen aus basalen Schichten. Dieser Unterschied zeigte auch das Sterberisiko bei chronisch erhöhtem Alkoholkonsum. Die Forscher vermuten, dass dieser Effekt auf den unterschiedlichen Lebensstil, insbesondere die Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen sei.
So trinken Bevölkerungsgruppen mit geringem Bildungsniveau und infolgedessen zumeist geringerem Einkommen durchschnittlich weniger Alkohol als diesbezüglich Privilegierte, doch die langfristig wirksame Gesundheitsbelastung für Herz, Blutgefäße und Kreislauf ist deutlich höher. Bei einem regelmäßigen Alkoholkonsum (an vier bis sieben Tagen pro Woche) unter den Menschen der unteren Gesellschaftsschicht das Sterberisiko um 42% höher. Ernährung, Freizeitaktivitäten, Sport (aktiv, nicht passiv am TV), Tabakkonsum sind wesentliche Faktoren, wodurch sich die Wirkung des Alkoholkonsums verändert. In ihrem Fazit betonen die Forscher: „Wer allgemeine Empfehlungen zum Alkoholkonsum geben will, muss dabei auch Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen berücksichtigen“.
Eine weitere Ursache für diesen Effekt könnte auch in frühzeitiger Gewöhnung an den Alkohol liegen. Ein ältere Studie (2008) fand heraus, dass im Alter von 10 Jahren als „klug“ klassifizierte Kinder (Mädchen wie Knaben gleichermaßen) als Herzanwachsende eher zum alkoholischen Getränken greifen, als vormals eher schlicht eingeschätzte Erwachsene. Damals interpretierten die Forscher die Alkoholappetenz als Karrierebeschleuniger: Kluge Leute haben eher erfolgreiche Jobs, und dies wiederum "erfordert eben eine Bereitschaft, oft zu trinken, bei geselligem Beisammensein dann auch im Übermaß“. Demnach wäre nicht der Gutsituierte unempfindlich gegen die langfristigen Folgen des Alkoholkonsums, sondern der erfahrene, routiniert kontrollierte Trinker erreicht mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Position in der gehobenen sozialen Schicht. Eine gewagte These, die sich jedoch auf den Befund stützen kann, dass unter den 8.100 untersuchten Personen chronischer Alkoholismus (Trunksucht) überproportional häufig Frauen in Führungspositionen betraf. Die Forscher folgerten damals daraus: Der Kampf um dauerhaften Erfolg in einer Männerdomäne mache besonders empfänglich für die Verlockungen von Schnaps und Wein.
Dabei helfen kurzfristige abstinente Phasen nicht, die langfristigen Folgen für den Faktor „Intelligenz“ zu reduzieren. Eine aktuelle Studie (2019) untersuchte die Veränderungen des Gehirns im Verlauf eines Alkoholentzungs. Auch bei völliger Abstinenz zeigte das Gehirn von jetzt „trockenen“ Alkoholikern noch keine keine Zeichen der Erholung. Die Schädigung des Nervengewebes schritt unverändert voran. Die Forscher vermuten als Ursache für diesen unerwarteten Langzeiteffekt eine stabile chronische Entzündung des Gewebes, die erst sehr langsam abklingt. Exzessiver Alkoholismus lässt vom Alkohol-Gesundheitsbonus der Intelligenz nicht mehr viel übrig.
Quellen: Batty, D.G. et al. (2008): Childhood Mental Ability and Adult Alcohol Intake and Alcohol Problems: The 1970 British Cohort Study. American Journal of Public Health 98 (12) : 2237–2243. DOI: 10.2105/AJPH.2007.109488 Degerud, E. et al. (2018): Life course socioeconomic position, alcohol drinking patterns in midlife, and cardiovascular mortality: Analysis of Norwegian population-based health surveys. PLoS Medicine, online veröffentlicht 2. Januar 2018. DOI: 10.1371/journal.pmed.1002476 De Santis, S. et al. (2019): Microstructural White Matter Alterations in Men With Alcohol Use Disorder and Rats With Excessive Alcohol Consumption During Early Abstinence. JAMA Psychiatry, online veröffentlicht 3.4. 2019. DOI:10.1001/jamapsychiatry.2019.0318
Erstellt am 11. April 2019
Zuletzt aktualisiert am 11. April 2019
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