Aufmerksamkeitsmuster statt Schmerzmatrix

fMRT ist kein Schmerzscanner

von Holger Westermann

Schmerz lässt sich nicht abbilden, auch nicht mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT). Denn die in bunten Bildern des Gehirns dargestellte „neuronale Schmerzsignatur“ einer aktiven „Schmerzmatrix“ ist auch bei Menschen aktiv, die aufgrund eines Gendefekts gar keine Schmerzen kennen (Congenital Indifference to Pain, CIP). Aussagekräftig sind daher lediglich vorher-nachher-Vergleiche der selben Person.

Schmerzreize verändern die Aktivität bestimmter Hirnregionen. Dieses Aktivitätsmuster ist charakteristisch für Schmerz, unabhängig von der Schmerzquelle und Schmerzqualität. Man geht davon aus, dass lediglich die Schmerzintensität variiert. Zeigt sich dieses Erregungsmuster des Gehirns, wird Schmerz empfunden. Auch bei Menschen, die selbst keine Auskunft geben können (beispielsweise Komapatienten), gilt dies als eindeutiger Hinweis auf Schmerz. Man nennt diese fMRT-Aktivitätsbilder „neuronale Schmerzsignatur“; die beteiligten Gehirnareale werden funktionell als „Schmerzmatrix“ zusammengefasst.

Doch nun wurde in einer Studie die selbe fMRT-Signatur auch bei zwei Menschen nachgewiesen, die wegen eines Gendefektes (SCN9A, wichtig für die Weiterleitung von Schmerzreizen zum Gehirn) gar keine Schmerzen empfinden können. Diese nicht schmerzsensiblen Probanden zeigten bei Reizung am Körper eine gleichermaßen aktive „Schmerzmatrix“. Die Forscher vermuten, dass die bislang als „Schmerzsignatur“ bezeichnete Gehirnaktivität lediglich eine reaktive Aufmerksamkeit des Gehirns darstellt. Bei gesunden Menschen erregen Schmerzreize zuverlässig Aufmerksamkeit. Beide Reaktionen, Schmerzempfinden und hohe Aufmerksamkeit, treten stets gemeinsam auf. Die Effekte sind dann im fMRT-Bild nicht zu unterscheiden. Doch die „Schmerzsignatur“ der „Schmerzmatrix“ ist offensichtlich kein Abbild des Schmerzempfindens.

Sind daher alle Studien mit den anschaulichen Darstellungen wertlos? Sicherlich nicht. Zum einen besteht bei wachen Personen ohne diesen Gendeffekt weiterhin der funktionelle der Zusammenhang zwischen neuronaler Aufmerksamkeit und Schmerz. Zum anderen sind vorher-nachher-Vergleiche weiterhin aussagekräftig, denn die registrierte Aufmerksamkeit ist Folge des Schmerzempfindens. Man sollte jedoch zukünftig beim Betrachter der bunten fMRT-Bilder bedenken, dass hier nicht direkt der Schmerz und seine Verarbeitung im Gehirn dargestellt wird.

Quellen:

Salomons, T.V. et al. (2016): The “Pain Matrix” in Pain-Free Individuals. Journal of American Medical Association Neurology, JAMA 73 (6): 755 - 756. doi:10.1001/jamaneurol.2016.0653

Erstellt am 22. Februar 2019
Zuletzt aktualisiert am 22. Februar 2019

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