Dubiose Magazine sind Tummelplatz für Einzelfalleuphorie und Esoterik

Nur seriöse Wissenschaft schafft Wissen

von Holger Westermann

Was in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, sind geprüfte Forschungsergebnisse. Darauf dürfen Leser vertrauen, wenn sie medizinische Nachrichten lesen, die sich auf solche Quellen stützen. Offensichtlich trügt diese Hoffnung, denn auf dem Markt der akademisch anmutenden Spezialliteratur tummeln sich zahlreiche Plattformen für Scharlatane. Veröffentlicht wird jeder Humbug, sofern die Autoren dafür bezahlen. In Geisteswissenschaften mag das belustigen, in Sozialwissenschaften kann politischer Schaden entstehen, in der Medizin ist jedoch die Gesundheit vieler Menschen in Gefahr.

Die Recherchen eines internationalen Journalistenprojekts alarmieren: Weltweit nutzen mehr als 400.000 Wissenschaftler die Möglichkeit rasch und ohne Prüfung durch Fachkollegen ihre wissenschaftlich anmutenden Artikel zu veröffentlichen; allein in Deutschland waren es im Jahr 2017 rund 5.000. Die Zahl solcher Veröffentlichungen hat sich seit 2013 weltweit verdreifacht; in Deutschland sind es sogar fünf mal so viele. Dabei ist nicht Geldmangel die treibende Kraft, denn ein Gutteil dieser Studien wurden durch öffentliche öffentliche Gelder finanziert.

Die gemeinsame Täuschung der Öffentlichkeit durch Verlage und Autoren ist Folge des rigiden „publish or perish“ Prinzips (veröffentliche oder geh’ unter) im akademischen Wettbewerb um Forschungsgelder und Reputation. Beteiligen sich Unternehmen daran, können auch ökonomische Interessen eine Rolle spielen. Ärzte, die exklusiv eine spektakulär erfolgreiche Therapie anbieten oder gar eigens eine Klinik dafür betreiben, können in diesem Fall durchaus als „Unternehmen“ verstanden werden. Gerade dann zählt der besondere Service pseudowissenschaftlicher Verlage:

  • Kurze Frist vom Einreichen des Manuskripts bis zur Veröffentlichung des Artikels
  • Keine Kritik von Fachkollegen am Versuchsdesign oder theoretischen Grundlagen
  • Keine Prüfung der Ergebnisse auf Plausibilität und statistische Qualität
  • Schon einmal (in der selben Zeitschrift) veröffentlichte Daten können unter neuer Überschrift noch einmal präsentiert werden
  • Selbst werbliches Anpreisen vermeintlich spektakulärer Ergebnisse wird toleriert wie auch der Verweis auf dringend empfohlene weitere Forschungsprojekte, also die Fortsetzung der Finanzierung

Es sind genau diese Vorteile für die unseriösen Autoren, die aufmerksame Leser stutzig machen. Werden im Februar Daten veröffentlicht, die bis Ende des Vorjahrs erhoben wurden, kann keine gewissenhafte Prüfung durch Fachkollegen (Reviewer) stattgefunden haben. Bleiben das Verfahren der Datengewinnung, die statistische Auswertung oder die zugrundeliegende Theorie ungenannt oder hinter wolkiger Beschreibung verborgen, ist Vorsicht geboten. Eine Recherche nach anderen Veröffentlichungen der selben Autoren in genau dieser Zeitschrift liefert weitere Indizien für Misstrauen. In jedem Fall ist kritische Wachsamkeit geboten, wenn allzu spektakuläre Ergebnisse allen bisher bekannten Erkenntnissen zur Erkrankung oder zu möglichen Therapien widersprechen.

Bei dem internationalen Rechercheprojekt engagierten sich hierzulande die Fernsehsender Norddeutscher Rundfunk (NDR) und Westdeutscher Rundfunk (WDR) sowie das Magazin der Süddeutschen Zeitung (SZ, München). Die TV-Dokumentation "Fake Science - Die Lügenmacher" wurde am Montag, 23. Juli 2018, um 21.45 Uhr von der ARD ausgestrahlt.

Quellen:

Rytina, S. (2018): Räuber-Journale: „Große Täuschung von Ärzten und Patienten“ – wie es dazu kam und wie man sich vor Fake-Science schützt. Medscape Interview mit Prof. Dr. Gerd Antes, Institut Evidenz in der Medizin und der Cochrane Deutschland Stiftung der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg

Erstellt am 8. Januar 2019
Zuletzt aktualisiert am 8. Januar 2019

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Hitze und Gesundheit

Wechselhaft, kühl und vielerorts windig präsentierte sich bislang der Juni 2026. Doch nun wechselt der Sommer zu Schwüle und Hitze. Für wetterempfindliche Menschen ist nicht gefühlte Temperatur an sich, sondern vorrangig die ungewöhnliche Dynamik der Veränderung ein großes Gesundheitsrisiko. weiterlesen...


Admarker

Das Projekt Menschenswetter

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

 

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

  weiterlesen...


Routiniert erfolgreich gegen Stress, Schmerz und Depression

Jeden Tag - auch am Wochenende - zur gleichen Zeit aufstehen, essen und schlafen, das erscheint eintönig und wenig spontan. Eine aktuelle Befragungsstudie zeigt jedoch dass eine feste Tagesroutine der Gesundheit zugutekommen. Menschen mit einem geregelten Tagesablauf berichten von einer geringeren Belastung durch Schmerzen und Depressivität als Menschen ohne solche selbstgewählte Regelmäßigkeit. weiterlesen...


Temperatur triggert den Herztod

Bei Klima und Wetter ist nicht Hitze sondern Kälte der wirkmächtigste Risikofaktor für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine aktuelle Studie an erwachsenen US-Amerikanern bestätigt weltweit erhobene Daten. weiterlesen...


Patienten-Arzt-Gespräch

Heutzutage ist es aus vielen Gründen für jüngst Erkrankte einfacher zum Computer zu gehen als zum Arzt. Erst einmal im Internet nachsehen, was die Symptome bedeuten, welche Krankheit die Gesundheit angegriffen hat. Doch sitzt man dann im Sprechzimmer, will der Arzt davon gar nichts wissen - warum eigentlich nicht? weiterlesen...


Wer als Senior noch Sex hat, bleibt klarer im Kopf

Alt ist relativ und beim aktiven Sexualleben ist neben der Regelmäßigkeit auch die subjektive Qualität relevant, damit der sinnlich motivierte Körper einen frischen Geist belebt. weiterlesen...