Wetter
Gefühlte Kälte

Österreich und Bayern sowie die deutschen Mittelgebirge werden derzeit in Schnee gehüllt. Im Bundesland Tirol (Österreich) und im Landkreis Miesbach (Bayern) musste Lawinenalarm und Katastrophenalarm ausgerufen werden. Diese unmittelbare Wettergefahr wird durch eine mittelbare (indirekte) ergänzt: Das Kaltluft-Sturmfeld vom Tief „Benjamin“ senkt die gefühlte Temperatur rasch und radikal. Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen oder Atemwegserkrankungen müssen mit einem veritablen Gesundheitsrisiko rechnen, Menschen mit chronischen Schmerzen, mit Gelenkbeschwerden oder Neigung zu Muskelverspannungen müssen sich auf schwierige Tage einstellen.
Das Tiefdruckgebiet „Benjamin“ (Luftströmung entgegen dem Uhrzeigersinn um das Zentrum) zieht derzeit vom Nordatlantik in Richtung Ostsee und Polen. An seiner Vorderseite (Ostflanke) wurde feuchtwarme Luft nach Mitteleuropa gelenkt; der Gunde für den reichlichen Schneefall. Morgen hat „Benjamin“ Mitteleuropa ostwärts passiert und an seiner Rückseite (Westflanke) strömt nun eiskalte Polarluft heran. Der Druckunterschied zum Hochdruckgebiet „Angela“ über der Biskaya ist markant (990 hPa zu 1030 hPa), der Wind daher besonders heftig. Im Flachland werden 70 km/h (8 Bft) erwartet, in Gipfellagen der Mittelgebirge und in den Alpen sowie an der Nordseeküste auch Orkanböen mit bis zu 130 km/h (12 Bft). Wo Schnee liegt, sind Schneeverwehungen unvermeidbar.
Dabei sinkt die gefühlte Temperatur deutlich stärker als der Thermometerwert. Sinkt die Umgebungstemperatur, verengen sich die Adern, um den Wärmeverlust über die Haut gering zu halten. Das gelingt bei natürlicher oder künstlicher Windstille recht gut, bei Flaute oder unter einer flauschigen Jacke. Über den Haut bildet sich eine dünne Schicht angewärmter Luft, die gut gegen weiteren Wärmeverlust isoliert. Dabei ist trockene Luft (geringe Luftfeuchte) besser als wasserdampfgesättigte. Bei Wind wird jedoch diese dünne Warmluftschicht immer wieder von der Haut entfernt. Der Körper muss immer wieder Wärme nachliefern und kühlt rasch aus. Dieser Wärmeverlust ist biologisch relevant und nicht die absolute Umgebungstemperatur, darauf reagiert das Kälteempfinden, darauf bezieht sich das Konzept der gefühlten Temperatur.
Eiskalte Luft ist nahezu frei von Wasserdampf, doch knapp über Frostniveau bleibt hinreichend Luftfeuchte erhalten, um das Kältegefühl zu verstärken. Deshalb ist die aktuelle Wetterlage so brisant: Fallende Lufttemperatur, hohe Sättigung mit Luftfeuchte, hohe Windgeschwindigkeit und der psychologische Effekt auf Schneetreiben, Schneeverwehungen oder Schneeregen zu blicken - dies fördert frösteln und frieren.
Solche Körperreaktionen sind relevante Alarmzeichen für Menschen mit angegriffener Gesundheit. Bei akutem Kälteempfinden verengen sich die Adern und der Blutdruck steigt und Bronchien verengen sich. Was derweil am Thermometer abgelesen werden kann, ist weit weniger wichtig. Auch die unmittelbar spürbaren Körperreaktionen wie Verkrampfung der Muskulatur oder Schmerzen hängen vorrangig von der gefühlten Temperatur ab. Besserung verspricht dann Schutz vor Wärmeverlust aber auch „Wärme von innen“; ein heißes Bad, eine Tasse Tee genauso wie Gemütlichkeit mit angenehmer Lektüre, entspannender Musik oder einem guten Film.
Quellen: Dr. rer. nat. Markus Übel (Meteorologe): (Klima-)Michel fühlt sich wohl. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 19.12.2018
Dipl.-Met. Jacqueline Kernn: Tief BENJAMIN ist auf dem Weg. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 07.01.2019
Erstellt am 8. Januar 2019
Zuletzt aktualisiert am 8. Januar 2019
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