Drei gute Gründe sprechen dafür
Schlafstörung bei Vollmond
Steht nachts der Mond als Silberball am Himmel, klagen „mondfühlige“ Menschen über schlechten Schlaf. Man vermutet eine unmittelbare Wirkung, schließlich bewegt der Mond auch die Wassermassen der Ozeane im Rhythmus von Ebbe und Flut und bei Vollmond ist Springflut - also ein besonders großer Einfluss offensichtlich.
Die wechselseitige Anziehungskraft des Mondes und des Ozeanwassers ist eine Funktion der beiden Massen und ihrer Nähe zueinander. Täglich folgt ein Wasserberg der Position des Mondes bei der Erdumrundung. Doch warum steigt dann die Flut bei Vollmond und Neumond besonders hoch? Entfaltet diese enorme Kraft auch Wirkung auf den Körper des Menschen, der bei Erwachsenen zu 70% aus Wasser besteht? Zwei Gründe sprechen dagegen:
- Das Körperwasser ist in Zellen gebunden oder strömt kanalisiert in Blut- und Lymphgefäßen oder umkleidet als Liquor Gehirn und Rückenmark. Die einzelnen separierten Wassermengen sind sehr klein (im Vergleich zur Füllmenge der Ozeane), so dass die Anziehungskraft des Mondes nicht nennenswert wirken kann.
- Die Beleuchtung des Mondes, ob Vollmond, abnehmender Mond, Neumond oder zunehmender Mond, hat keinerlei Einfluss auf die Höhe der Flut - doch beide Effekte haben die selbe Ursache. Die Sonne liegt viel weiter entfernt von der Erde (150 x 106 km) und den Wassermassen der Ozeane als der Mond (ca. 383 x 103 km; ca. 7 x 1022 kg), doch die Sonne hat auch eine erheblich größere Masse (ca. 2 x 1030 kg). So wirkt sich auch die Position der Sonne auf die Intensität der Gezeiten aus. Stehen Erde - Mond - Sonne in einer Linie addieren sich die Anziehungskräfte und gleichzeitig wird der Mond voll oder gar nicht angestrahlt. Wirkt die Anziehungskraft der Sonne senkrecht zu der des Mondes auf die Wassermassen der Ozeane schwächt sich die Wirkungen ab, die Flut schwillt weniger stark während am Nachthimmel ein Halbmond steht. Die Mondphase beeinflusst die Höhe der Gezeiten nicht und damit auch nicht die Wirkung der Mondphase auf den Körper. Doch da die selbe Ursache wirksam wird, kann man den Vollmond als zuverlässiges Anzeigeinstrument für die Sonnenwirkung ansehen - die ihrerseits unabhängig von der Mondbewegung ist.
Doch warum beklagen dann so viele Menschen die Schlafqualität in Vollmondnächten? Drei Effekte haben tatsächlich Einfluss: Das Mondlicht, die selbsterfüllende Prophezeiung und die selektive Erinnerung.
- Jeder gesunde Mensch wacht bei Nacht mehrmals auf, schläft aber rasch wieder ein und erinnert sich deshalb nach dem Aufstehen nicht mehr an die kurzen Schlafunterbrechungen. Ist das Zimmer jedoch hell erleuchtet, steigt die Wahrscheinlichkeit für eine immer noch kurze aber bewusste Wachphase. Diese Episode wird dann als Schlafstörung wahrgenommen. Allzu wirksam ist dieser Effekt jedoch nicht. Hierzulande strahlt der Vollmond in sternklarer Nacht mit 0,2 Lux vom Himmel, bei Neumond erreichen die Sterne lediglich 0,001 Lux. Das scheint sehr hell zusein, doch jede Straßenlaterne oder vorbeifahrende Autos bringen 50 bis 100 mal mehr Licht. Die Beeinträchtigung der Schlafqualität durch Mondlicht betrifft daher nur Menschen, deren Schlafzimmerfenster frei von Fremdbeleuchtung bleibt.
- Unter einer selbsterfüllenden Prophezeiung versteht man in der Psychologie den Effekt, dass eine Vorhersage über direkte oder indirekte Mechanismen ihre Erfüllung selbst bewirkt. Wer bei Vollmond schlechten Schlaf befürchtet wird nervös und kann deshalb schlecht einschlafen oder bleibt während der Nacht länger wach. Die Furcht vor schlechtem Schlaf mindert die Schlafqualität.
- Die selektive Erinnerung ist Folge der Verknüpfung von Ereignissen zu kleinen Geschichten. So können sich Menschen einzelne Fakten besser merken. So funktionieren Eselsbrücken und aufwändige Merktechniken (Mnemotechniken) von Gedächtniskünstlern. Andererseits, was sich nicht zu Geschichten verknüpfen lässt wird rasch und zuverlässig vergessen. Gelingt abends das Einschlafen nicht oder fällt es schwer, nach dem Aufwachen in der Nacht wieder Schlaf zu finden, ist der Vollmond am Himmel ein markantes Signal, das sich gut mit der „Mondfühligkeit“ verbinden lässt. Da genügt es auch, wenn der Mond nur fast ganz rund erschient. Bei Halbmond oder Neumond fehlt diese Verknüpfung mit einer erinnerungswürdigen Geschichte. Solche Nächte mit schlechtem Schlaf sind rasch vergessen.
Gönnen Sie dieses Schicksal auch den Vollmondnächten. Es gibt keinen vernünftigen Grund, keinen physikalischen und keinen physiologischen. Einen Streich spielt nur die psychologische Veranlagung des Menschen, Zusammenhänge erkennen zu wollen, auch wenn es keine gibt.
Quellen: Menschenswetter Redaktion, Holger Westermann
Erstellt am 22. Dezember 2018
Zuletzt aktualisiert am 12. Januar 2019
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