Wetter

Ornithologische Wetterprognose

von Holger Westermann

Wer sich wissenschaftlich mit Vögeln beschäftigt wird als Ornithologe bezeichnet, so wie der professionell Wetterkundige Meteorologe. Der bekannteste Leitsatz der ornithologischen Meteorologie beginnt „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter …“ Und der Spott ahnungsloser Stadtbewohner ergänzt „… oder es bleibt wie es ist“. Menschen, die das natürliche Verhalten der Vögel noch zu deuten wissen, erkennen jedoch die besondere Bedeutung dieser Beobachtung.

Denn der ornithologisch-meteorologische Merkspruch nennt eine konkrete Alternative: „kräht er auf dem Hühnerhaus, hält das Wetter die Woche aus.“ Diese Vorhersage ist plausibel, denn nicht das lauthals krähen, sondern die Wahl der prominenten Positionen erlaubt eine Prognose der Wetterentwicklung. Hühner fressen nicht nur Körner, die sie blindlings finden, sondern jagen auch kleine Kerbtiere und Würmer. Diese Appetithappen tummeln sich auf feuchtem Mist, nachdem Regenfronten durchgezogen sind und Sonne die Oberfläche wieder erwärmt. So lohnt für das Federvieh dort die Futtersuche besonders während solch veränderlicher Wetterlage mit rasch aufeinanderfolgenden Tiefdruckgebieten. Bei lang anhaltendem Sonnenschein einer stabilen Hochdruckwetterlage ist der Besuch des Misthaufens dagegen unattraktiv, denn dann verbergen sich die Futtertiere im Innern, das Geflügel scharrt vergebens. Der Hahn bevorzugt eine Sitzwarte in Nähe seiner Hennen auf dem Hühnerstall - und wirft sich dann auch dort lauthals in die Hühnerbrust.

Einer vergleichbaren Argumentation, wenn auch eine Etage höher, folgt die Wettervorhersage „Wenn die Schwalben niedrig fliegen, werden wir bald Regen kriegen. Fliegen sie bis in die Höh'n, bleibt das Wetter weiter schön.“ Schwalben fliegen dort, wo sie Nahrung erhaschen können. Im Gegensatz zu anderen insektenfressenden Vögeln, die ihr Futter vom Boden oder von Pflanzen abpicken, jagen Schwalben im Flug. Doch für den Beobachter sind die fliegenden und dabei charakteristisch durcheinander rufenden Vögel besser zu erkennen als kleine Fluginsekten. Bei hoher Luftfeuchte, Wind und Kälte sind sie in ihrer Bewegung allgemein und insbesondere in ihrer Flugleistung eingeschränkt. Die Insekten bleiben in Bodennähe und damit auch die jagenden Schwalben. Sie sausen über Wiesen und begeistern die Beobachter mit ihren engen Flugmanöver durch Häuserschluchten. Bei stabilem Hochdruckwetter steigen Fluginsekten hoch auf, um auch weite Strecken zurückzulegen. Schwalben folgen ihrer Beute und prognostizieren durch ihren Höhenflug in weiten Radien für die kommenden Tage Sonnenschein.

Auf das Phänomen des Vogelzugs stützt sich der Spruch: „Ziehen die wilden Gäns' und Enten fort, ist der Winter bald am Ort.“ Auch hier wird der Anspruch an den meteorologisch interessierten Naturbeobachter auf leicht erkennbare Vögel gelenkt. Die v-förmige Formation der großen Wasservögel erkennen auch wenig talentierte Freizeitornithologen. Wann die Zugvögel gen Süden aufbrechen hängt von vielen Faktoren ab, beispielsweise der Tageslänge aber auch vom Wetter und der Verfügbarkeit von Nahrung. Für Wasservögel markiert der erste Frost den Auftakt zur vorübergehenden aber grundlegenden Veränderung ihres Lebensraums. Sobald die Gewässer zugefroren sind, fehlt der Flucht- und Rückzugsraum vor winterhungrigen Raubtieren wie Katzen, Mardern und mancherorts auch Waschbären. Für Enten sind die Wasserpflanzen unerreichbar; Gänse müssten sich mit welkem Gras begnügen. So löst der erste längere Kaltlufteinstrom  im Spätherbst die Zugunruhe aus. Liegt dieser Termin früh im Jahr, kühlt auch der Boden weiter Landschaften frühzeitig aus und der erste Schnee kann bereits liegen bleiben. DIe Menschen sprechen dann von einem „langen Winter“ und sehen sich selbst sowie ihre Beobachtung des Vogelzugs bestätigt.

Quellen:

Dipl.-Met. Jacqueline Kernn: Wie uns Tiere das Wetter ankündigen. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 01.11.2018

Erstellt am 2. November 2018
Zuletzt aktualisiert am 2. November 2018

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