Informationen verwirren und verunsichern die Patienten

Beipackzettel mit Nebenwirkungen

von Holger Westermann

Vor der Einnahme eines Medikaments sollten Patienten die beiliegende Information zu möglichen Unverträglichkeiten und Nebenwirkungen lesen. Dies dient nicht der Abschreckung oder als Aufforderung zur Therapieverweigerung, auch wenn der Text oftmals dazu geeignet ist. Vielmehr soll die Achtsamkeit auf bereits bekannte unerwünschte Wirkungen gerichtet werden, damit Komplikationen zuverlässig erkannt und eine Eskalation möglichst frühzeitig verhindert wird. Doch genau dazu sind die Formulierungen in den Beipackzetteln ungeeignet.

 

Die Texte der Beipackzettel stehen schon lang in der Kritik und es gab bereits vielfach Versuche, sie patientengerecht zu formulieren. Zumeist scheiterte dies am Einspruch von Juristen, die den Jargon ihres Berufsstandes als einzig mögliche Formulierung akzeptieren, um Empfehlungen und Warnungen rechtssicher auszusprechen. Der Verständlichkeit dient das nicht. Das ist nicht nur ein Kommunikationsproblem. Unverständlich formulierte offizielle Beipackzettel schüren Verunsicherung der Patienten und verursachen Skepsis gegenüber dem Medikament und können Unregelmäßige Einnahme oder gar Therapieabbruch provozieren.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Universität Hamburg untersuchten nun einen speziellen Aspekt der problematischen Patienten-Verunsicherung: Wie interpretieren Patienten die Angaben zur Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen? Nicht immer sind die im Beipackzettel gelisteten Begleiterscheinungen der Therapie tatsächlich Folge der Medikamenteneinnahme. Vielfach handelt es sich um Symptome der Erkrankung, die mit und ohne Arzneimittelwirkung auftreten. Es muss kein ursächlicher Zusammenhang bestehen, damit Symptome als Nebenwirkung notiert werden.

Bereits 2015 veröffentlichte die selbe Arbeitsgruppe eine Studie an 379 Angehörigen der Gesundheitsberufe, darunter 153 Ärzte und 87 Apotheker / Pharmaziestudenten, die eklatante Missverständnisse offenbarte. So waren diese Medizin- und Arzneimittelexperten mehrheitlich der Auffassung, dass die im Beipackzettel genannte Häufigkeit einzelner Nebenwirkungen durch das jeweilige Arzneimittel verursacht würden.

Genau dieser Irrtum bestätigte sich nun in einer Untersuchung an 397 Patienten. Lediglich 2 bis 3 Prozent konnten die Informationen zu der Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen korrekt interpretieren. In einem Experiment wurde den Patienten ein neu formulierter Informationszettel vorgelegt, in dem die Häufigkeit der unerwünschten Symptome - beispielsweise Müdigkeit, Kopfschmerzen, Hautausschlag - mit und ohne Medikamenteneinnahme nebeneinander dargestellt wurden. Dadurch stieg das korrekte Verständnis der Information auf 82%.

Im Verlauf einer Medikamententherapie kann der Effekt auftreten, dass aufgrund der Erkrankung Symptome auftreten, die fälschlich für Nebenwirkungen des Medikaments gehalten werden. Wird das Arzneimittel dann - womöglich ohne den Arzt zu informieren - abgesetzt, verschwinden auch die vermeintlichen Nebenwirkungen. Doch dieser positive Effekt beruht auf der kurzzeitigen Medikamentenwirkung, wodurch diese Symptome gelindert werden. Nach dem Absetzen treten sie nicht wieder auf. Das wird dann aber als unerwünschte Medikamentenwirkung interpretiert. So erklären sich viele „Erfolge“ eigenmächtiger Therapiemodifikationen.

Quellen:

Mühlbauer, V.; Mühlhauser, I. (2015): Understanding adverse drug reactions in package leaflets – an exploratory survey among health care professionals. BMC Health Services Research15: 505. DOI: 10.1186/s12913-015-1160-1.

Mühlbauer, V. et al. (2018): Alternative package leaflets improve people’s understanding of drug side effects—A randomized controlled exploratory survey. PLOSone, online veröffentlicht 13.09.2018. DOI: 10.1371/journal.pone.0203800.

Bekanntmachung von Empfehlungen zur Gestaltung von Packungsbeilagen nach § 11 des Arzneimittelgesetzes (AMG) für Humanarzneimittel (gemäß § 77 Absatz 1 AMG) und zu den Anforderungen von § 22 Absatz 7 Satz 2 AMG (Überprüfung der Verständlichkeit von Packungsbeilagen) vom 14. April 2015.

Erstellt am 30. Oktober 2018
Zuletzt aktualisiert am 30. Oktober 2018

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Schwüle kündigt Kälte an

Über Ostern war das Wetter in Mitteleuropa sommerlich sonnig warm. Die absinkende trockene Luft im Einflussbereich des Hochdruckgebiets „Katharina“ erwärmte sich und konnte daher die Luftfeuchte aufnehmen. So verschwanden im Lauf des Tages alle Wolken, die sich am kühlen Nachthimmel gebildet hatten. Doch nun wechselt das Wetter. Es wird zunehmend schwül, die gefühlte Temperatur steigt, obwohl der Thermometerwert sinkt. In wenigen Tagen wird es noch einmal kalt. Für wetterempfindliche Menschen sind diese rasanten Temperaturschwankungen ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko. weiterlesen...


Admarker

Ratgeber von Menschenswetter Redakteur Holger Westermann für die Deutsche Fibromyalgie Vereinigung (DFV) e.V.

Ratgeber Fibromyalgie weiterlesen...


Hitze schwächt das Denkvermögen

Kühlt es nachts nicht hinreichend ab, verschlechtert sich die Schlafqualität. Fällt die Lufttemperatur bei Nacht nicht unter 20°C, sprechen Meteorologen von einer Tropennacht. Bei hoher Luftfeuchte kann die gefühlte Temperatur auch bei niedrigerem Thermometerwert tropisch wirken. Dann leiden nicht nur Menschen mit ohnehin schon angegriffener Gesundheit, auch junge Studenten zeigen erhebliche Leistungsdefiziten und Konzentrationsprobleme. weiterlesen...


Admarker

Das Projekt Menschenswetter

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

 

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

  weiterlesen...


Geschlechtertypische Schmerzwahrnehmung

Frauen und Männer regieren nach einem vergangenen Schmerzerleben unterschiedlich auf akuten Schmerz. Wird am Ort der Schmerzerfahrung der selbe Schmerzort stimuliert, zeigen Männer schon bei harmlosen Reizen eine übertrieben heftige Reaktion. Frauen bleiben dagegen davon unbeeindruckt und reagieren adäquat auf den aktuellen Schmerzreiz. weiterlesen...


Sommerwetter begünstigt lebensbedrohliche Infektionen

Dass nasskaltes Wetter bei Asthma, Rheuma und Muskelschmerzen die Symptome verstärkt, dass dann Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen mit einem erhöhten Infarktrisiko rechnen müssen - das ist den Nutzern von Menschenswetter Anlass sich regelmäßig über die Vorhersagen zu informieren. Dass Erkältungen nur mittelbar durch Kälte „verursacht“ werden und eigentlich Virusinfektionen sind, wissen heutzutage schon Schulkinder. Doch solche Infektionen sind lästig aber nicht lebensbedrohlich. Die wirklich große Gefahr entwickelt sich erst zum Ausklang des Hochsommers. weiterlesen...