Acetylsalicylsäure bleibt als Primär- und Sekundärprävention wirkungslos

ASS schützt nicht vor Herzinfarkt

von Holger Westermann

In den USA zählt die Einnahme von Aspirin oder ähnlichen Medikamenten zur allgemeinen Vorsorge gegen Herz-Kreislauferkrankungen (Primärprävention). Hierzulande konnte sich diese freiwillige Dauermedikation nicht durchsetzen. Erst nach einem Infarkt oder wenn ernsthafte kardiovaskuläre Risiken erkannt werden, raten Ärzte zur dauerhaften Einnahme von ASS (Sekundärprävention). Doch offensichtlich bleibt die dauerhafte prophylaktische Einnahme bei beiden Vorsorgeindikationen weitgehend wirkungslos.

Die ASCEND-Studie („A Study of Cardiovascular Events in Diabetes“) der Universität Oxford (Großbritannien) untersucht 15.480 Diabetiker (94 % Typ 2, Mindestalter 40 Jahre, im Mittel 63 Jahre) mit den typischen Risikodiagnosen: 86 % übergewichtig oder adipös, 62 % mit Hypertonie, 76 % wurden mit Cholesterinsenkern (Statine) behandelt. Einen Infarkt hatte bislang kein Proband erlitten. Ein Teil der Patienten erhielt niedrig dosierte ASS-Medikamente (100 mg/täglich), der andere ein wirkstofffreies Scheinmedikament (Placebo).

Nach über 7 Jahren Beobachtungszeit erlitten die Patienten unter ASS-Dauermedikation tatsächlich seltener einen ersten Infarkt (658 = 8,5%) als die Patienten der Placebogruppe (743 = 9,6%). Doch leider wurde dieser ohnehin kleine Effekt durch eine größere Häufigkeit von schweren inneren Blutungen, zumeist im Magen-Darm-Bereich, quasi aufgehoben (314 = 4,1% zu 245 = 3,2%).

In der internationalen ARRIVE-Studie (A Study to Assess the Efficacy and Safety of Enteric-Coated Acetylsalicylic Acid in Patients at Moderate Risk of Cardiovascular Disease) wurden 12.546 Patienten an 501 medizinischen Zentren und Kliniken in Großbritannien, Irland, Italien, Polen, Spanien, den USA und Deutschland untersucht. Die Patienten waren keine Diabetiker, repräsentierten aber Herz-Kreislauf-Risiken: Erhöhte Blutfettwerte (Gesamtcholesterin > 200 mg/dl und/oder LDL > 130 mg/dl und/oder vermindertes HDL < 40 mg/dl), Rauchen, Bluthochdruck (systolischer Blutdruck ≥ 140 mm Hg, Einnahme von Blutdrucksenkern) oder schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der näheren genetischen Verwandtschaft. Das Durchschnittsalter der Patienten betrug 64 Jahre, wobei Männer zumindest 55 Jahre alt waren, Frauen 60 Jahre. Auch in dieser Studie lag die Dauermedikation der ASS-Medikamentengruppe bei 100mg/täglich, die Patienten der Placebogruppe erhielten Tabletten ohne Wirkstoff. Es zeigte sich, dass sich zwischen beiden Gruppen in der Häufigkeit für Herz-Kreislauf-Versagen, Herzinfarkt, instabiler Angina pectoris oder Schlaganfall. Nur beim „Endpunkt“ Herzinfarkt konnte bei jüngeren Patienten (< 60 Jahre, also in dieser Studie bei jüngeren Männern) ein relevanter (und signifikanter) positiver Effekt festgestellt werden. Der kompensatorische Effekt schwerer innerer Blutungen im Magen-Darm-Bereich fiel in dieser Studie weniger stark ins Gewicht, da Menschen mit erhöhtem Blutungsrisiko, wie beispielsweise Diabetiker, ausgeschlossen waren. So waren die häufigsten Nebenwirkungen in der ASS-Medikamentengruppe Verdauungsstörungen, Nasenbluten, Sodbrennen und Oberbauchschmerzen.

In beiden Studien traten deutlich weniger kardiovaskuläre Ereignisse auf, als von den Forschern zunächst erwartet worden war. Bei der Entscheidung für eine ASS-Primärprävention sollte in jedem Fall das Risiko für spontane Blutungen berücksichtigt werden. Eine weitere Metastudie berücksichtigte zehn Studien zur Herz-Kreislauf-Primärprävention (insgesamt 117.279 Patienten) und vier Studien zur Sekundärprävention (13.000) und fokussierte auf Patienteneigenschaften (Körpergewicht, Körpergröße) für eine wirksame ASS-Prophylaxe mit niedriger (75 - 100mg/täglich) und hoher (≥ 325 mg) Dosierung. Dabei zeigte sich, dass unter niedriger Dosierung, wie sie während einer präventiven Dauermedikation üblich ist, nur bei Personen mit einem Körpergewicht unter 70 kg die Wahrscheinlichkeit für Infarkte sank. Die typischen Repräsentanten von Herz-Kreislauf-Risiken fallen gemeinhin nicht in diese Gruppe.

In jedem Fall sollte man vor dem Einstieg in die präventive Dauertherapie mit niedrig dosierter Acetylsalicylsäure mit dem Arzt Risiken und erhofften Nutzen abwägen. Wer bereits eine ASS-Prophylaxe begonnen hat, kann das Thema beim nächsten Besuch in der Praxis ansprechen.

Quellen:

Rothwell, P.M. et al. (2018): Effects of aspirin on risks of vascular events and cancer according to bodyweight and dose: analysis of individual patient data from randomised trials. The Lancet 392 (10145): 387 - 399, online veröffentlicht 12.07. 2018. DOI: 10.1016/S0140-6736(18)31133-4)

Gaziono, J.M. et al. (2018): Use of aspirin to reduce risk of initial vascular events in patients at moderate risk of cardiovascular disease (ARRIVE): a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. The Lancet, online veröffentlicht 26.08. 2018. DOI: 10.1016/S0140-6736(18)31924-X.

The ASCEND Study Collaborative Group (2018): Effects of Aspirin for Primary Prevention in Persons with Diabetes Mellitus. New England Journal of Medicine, online veröffentlicht 26.08. 2018. DOI: 10.1056/NEJMoa1804988,

Erstellt am 12. September 2018
Zuletzt aktualisiert am 13. September 2018

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