Medikament Erenumab in der EU zugelassen

Spritze gegen Migräneattacken

von Holger Westermann

Endlich ein Medikament gegen die Schmerzattacken? Diese Hoffnung der Menschen mit Migräne erfüllt auch das nun von der EU zugelassene Medikament nicht. Das Prophylaxe-Präparat muss als Dauertherapie angewendet werden und kommt daher vorrangig für Patienten mit chronischer (mehr als 18 Schmerztage pro Monat) oder episodischer Migräne (acht Schmerztage pro Monat) in Frage.

Zugelassen wurde der Wirkstoff Erenumab (Medikament Aimovig®) für die vorbeugende Behandlung von Erwachsenen mit mindestens vier monatlichen Migränetagen. Die Patienten können sich die Spritze nach einer kurzen Schulung selbst setzen. Das ist lediglich einmal im Monat notwendig; manche Patienten benötigen jedoch zwei Spritzen an aufeinanderfolgenden Tagen als Monatsdosis.

Erenumab ist ein Antikörper, der den Rezeptor des Entzündungsbotenstoff Calcitonin Gene-Related-Peptide (CGRP) hemmt. Dieses Peptid (kleines Eiweißmolekül) aus 37 Aminosäuren wird bei einer Migräne-Schmerzattacke von den Synapsen des Trigeminusnervs (5. Hirnnerv mit drei Ästen: Auge, Oberkiefer, Unterkiefer) vermehrt ausgeschüttet. CGRP weitet die Blutgefäße und spielt eine zentrale Rolle bei der Schmerzauslösung sowie bei der neurogenen Entzündung (durch das Nervensystem hervorgerufene Entzündung wie sie bei der neurovaskuläre Migränetheorie postuliert wird). Während einer Mirgäne-Schmerzattacke sind die CGRP-Werte stark erhöht. Erenumab blockiert die Wirkung des CGRP. Die als akute Migräne-Schmerzmedikamente bewährten Triptane hemmen dagegen die Ausschüttung des CGRP, verengen dadurch die Blutgefäße und reduzieren die Schmerzweiterleitung.

Die Prophylaxe durch Antikörper ist ein neuer Ansatz, die Schmerzbelastung von Menschen mit Migräne zu reduzieren. In einer klinischen Studie mit 955 Patienten, die unter episodischer Migräne leiden (durchschnittlich 8,3 Schmerztage pro Monat), halbierte sich bei knapp der Hälfte der Patienten (43,3% bis 50%) die Anzahl der monatlichen Attacken, andere erlebten eine moderate Linderung, doch jeder fünfte Patient spürte trotz regelmäßiger Medikamentenspritze gar keine Besserung. Diesem Ergebnis stehen Nebenwirkungen entgegen, wie Verstopfung, Juckreiz, Muskelverkrampfungen und Haut- oder Entzündungsreaktionen an der Einstichstelle. Zudem scheinen sich unter der Prophylaxe-Therapie  virale Infekte der Atemwege (Erkältung, Schnupfen, Grippe) und Rückenschmerzen zu verstärken und zu häufen.

„Man darf sich von der neuen Therapie keine langfristige Immunisierung oder gar eine Heilung von Migräne erwarten. Die Behandlung muss monatlich wiederholt werden und ist vor allem für Patientinnen und Patienten gedacht, die von vielen Migräne-Attacken geplagt werden und bei denen etablierte Therapien keinen Erfolg zeigen“ resümiert Univ.-Prof. Dr. Christian Lampl, Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und Ärztlicher Leiter des Ordensklinikums Linz in einem Interview. Zwar sei die Therapie sehr teuer, aber er gibt zu bedenken „Jede Migräne-Attacke, die wir verhindern können, bedeutet mehr Lebensqualität für die Betroffenen“. Zudem führe eine wirksame Prophylaxe dazu, dass die Patienten weniger Akutmedikamente einnehmen müssten.

Quellen:

Goadsby, P.J. et al.(2017): A Controlled Trial of Erenumab for Episodic Migraine. New England Journal of Medicine 377 (22):2123 - 2132. DOI: 10.1056/NEJMoa1705848

Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) (2018
): Aimovig - erenumab, Summery of opinion. EMA/CHMP/283640/2018, Online veröffentlicht durch die European Medical Agency am 31.05. 2018.

Erstellt am 3. August 2018
Zuletzt aktualisiert am 3. August 2018

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