Biochemischer Fingerabdruck bei Erwachsenen weist auf belastende Erfahrungen hin

Lebenslang chronischer Stress durch seelische Traumata während der Kindheit

von Holger Westermann

Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit sind ein Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen im Erwachsenenalter. So haben überdurchschnittlich viele Patientinnen, die unter der somatoformen Schmerzstörung „Fibromyalgie“ leiden, in ihrer Kindheit, in ihrer Jugend oder als Erwachsene solche Erfahrungen durchlitten. Anhaltender Stress führt aber auch zu psychischen Problemen, provoziert Übergewicht und kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen. Nun konnte man im Blut erwachsener Frauen spezifische Stoffwechselprodukte identifizieren, die infolge solcher Traumata auftreten.

Das wissenschaftliche Verbundprojekt "Meine Kindheit - Deine Kindheit“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt. Die interdisziplinäre Forschungsinitiative untersucht aus vielfältiger Perspektive die Frage, wie positive und negative Beziehungserfahrungen auf psychobiologischer Ebene von Müttern an ihre Kinder weitergegeben werden. Forscher der Universität Ulm (Baden-Württemberg) und Kollegen der Cancer Research Group vom Translational Research Institute (TRI) in Brisbane (Queensland, Australien) suchten nach einer dauerhaften physiologischen Veränderung. "Wenn Kinder sexuell missbraucht oder emotional misshandelt, wenn sie geschlagen oder vernachlässigt werden, führt dies zu chronischen Stressbelastungen. Diese können in späteren Jahren nicht nur psychische Erkrankungen hervorrufen, sondern sind auch für den Körper sehr belastend. Denn sie erhöhen das Risiko für weitere Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes, insbesondere wenn nicht versucht wird, durch einen besonders gesunden Lebensstil entgegenzuwirken" erläutern die Forscher ihre Motivation für diese Projekt.

Stress spielt sich auf zwei Ebenen ab, einerseits die psychologisch-physiologische, wenn die Anspannung auf die Nerven geht und auf den Magen schlägt; andererseits die zelluläre, wenn  beispielsweise oxidativer Stress die Zellen schädigt und langfristig wirksame Veränderungen hervorruft. Eine Schlüsselrolle spielen dabei molekulare Stress-Signale. Bei andauerndem oder regelmäßig widerkehrendem (chronischem) Stress oder bei schwerwiegenden, extremen Stressereignissen (ausgelöst durch kritische und belastende Lebensereignisse) werden im Körper vermehrt freie Radikalverbindungen gebildet. Dieser Effekt bildet die Verbindung zwischen spürbarem psychologisch-physiologischen und zellulärem Stress. Zudem verändert sich der Energie- und der Phospholipid-Stoffwechsel (ATP = Energieträger in den Zellen) und chronische niederschwellige Entzündungsprozesse treten häufiger auf.

Diese langfristig wirksamen Veränderungen sollten sich auch bei bislang gesunden Menschen nachweisen lassen, wenn sie während der Kindheit solche Traumata durchleiden mussten. Menschen ohne solche traumatischen Erfahrungen sollten dagegen unbelastet sein. Die Forscher sprechen von einem „biochemischen Fingerabdruck aversiver Kindheitserfahrungen“ (Aversion = Widerwillen), Ekel aufgrund von Reizen, die Erinnerungen hervorrufen, die man meiden möchte).

Untersucht wurde das Blutserum von 105 jungen Müttern, darunter waren 59 Frauen mit und 46 ohne aversive Kindheitserfahrungen. Dabei identifizierten die Forscher acht spezielle Stoffwechselprodukte (Metabolite), deren Spiegel sich bei beiden Gruppen deutlich unterschied. Diese Metabolite stehen in Verbindung mit dem zellulären Energiestoffwechsel sowie mit entzündlichen Prozessen und oxidativem Stress. „Wir fanden eine ganz spezielle Biomarker-Signatur, die es ermöglicht, mit fast 90-prozentiger Genauigkeit in unserer Stichprobe festzustellen, ob diese Frauen als Kind misshandelt, missbraucht oder vernachlässigt wurden", erläutern die Forscher ihre Ergebnisse.

In ihrem Fazit geben die Forscher betroffenen Frauen Mut, dass sie ihre traumatischen Erfahrungen zukünftig auch noch nach Jahren belegen können und so auf einen erfolgversprechenden Einstieg in eine Therapie hoffen dürfen: „Mit Hilfe des biomolekularen Fingerabdruckes, den wir gefunden haben, lassen sich in Zukunft möglicherweise weitere pathophysiologische Prozesse aufdecken, die für die langfristige Entstehung stressbedingter Erkrankungen verantwortlich sind“, denn „insbesondere bei chronischem oder exzessivem Stress sowie bei einem ungünstigen Lebensstil kann dies gravierende Folgen für die Gesundheit haben“. So könnten geeignete Psychotherapien noch im Erwachsenenalter dabei helfen, die gesundheitlichen Langzeitfolgen von belastenden Kindheitserfahrungen zu vermindern.

Quellen:

König, A.M. et al. (2018): Serum profile changes in postpartum women with a history of childhood maltreatment: a combined metabolite and lipid fingerprinting study. Scientific Reports 8 (1): 3468. DOI: 10.1038/s41598-018-21763-6

Erstellt am 30. Mai 2018
Zuletzt aktualisiert am 30. Mai 2018

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