Gesprächsdauer, Geschlecht und Kultureller Hintergrund beeinflussen die Empathiefähigkeit

Einfühlsame Ärzte heilen effektiver

von Holger Westermann

Ein gutes, vertrauensvolles und von gegenseitigem Verständnis getragenes Verhältnis zwischen Patient und Arzt verbessert den Heilungserfolg und die Zufriedenheit mit der Behandlung. Die Patienten empfinden weniger Schmerzen und Angst; sie folgen den Empfehlungen des Arztes und nehmen ihre Medikamente zuverlässiger ein. Doch welche Parameter wirken auf die Bewertung der Empathie und wie schneiden die Ärzte aus Deutschland im internationalen Vergleich ab?

Neben der medizinischen Fachkompetenz erkennen Patienten einen guten Arzt auch am Mitgefühl und der positiven Zuwendung, an der Geduld und den Rückfragen beim Erklären, am ehrlichen Interesse an der Person des Patienten anstatt der Reduktion zum medizinischen Fall. All diese Aspekte werden beim standardisierten Verfahren des CARE-Measure (Consultation and Relational Empathy) berücksichtigt. Dabei können die Patienten für 10 Fragen auf einer fünfstufigen Lickert-Skala (schlecht, mäßig, gut, sehr gut oder ausgezeichnet) einen bis zu fünf Punkte vergeben; insgesamt maximal 50 Punkte. Für die Metastudie wurden 64 CARE-Measure-Studien aus 15 Staaten ausgewertet.

Dabei zeigte sich, dass weibliche Ärzte um 7,92 Punkte besser anschnitten als ihre männlichen Kollegen. Eine vergleichbar besser Bewertung erhielten Ärzte, die sich für das Patientengespräch mehr als 10 Minuten Zeit nahmen; sie erreichten eine um 7,67 höhere Punktzahl. In der „Länderwertung“ belegte Australien mit 44,88 Punkten (Medicare, staatliche Krankenversicherung, aber viele Leistungen werden privat bezahlt) den ersten Rang vor den USA (44,56; viele Leistungen werden privat bezahlt) und Großbritannien (43,07; gratis, staatliche Gesundheitsversorgung). Am schlechtesten bewertet wurden Mediziner aus Hongkong (33,46; gratis, staatliche Gesundheitsversorgung). Die Finanzierung des Gesundheitssystems scheint für die Empathie der Ärzte nicht ausschlaggebend zu sein. Ärzte aus Deutschland belegten mit 40,72 Punkten einen mittleren Rang, etwa auf dem Niveau von China mit 40,61. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass im CARE-Measure-Verfahren keine absoluten Qualitätskriterien gemessen werden, sondern die subjektive Beurteilung durch die Patienten. Sind die Ansprüche der Patienten an die Empathie der Ärzte gering kann auch eine wenig einfühlsame Behandlung gut bewertet werden, während ein hohes Anspruchsniveau mit größerer Wahrscheinlichkeit Enttäuschungen provoziert.

Insofern ist die kulturvergleichende Betrachtung im Ländervergleich methodisch problematisch. Aufschlussreich ist jedoch, dass in Deutschland das medizinische Personal ohne Approbation (medizinisch-technische Assistenten, Arzthelfer) mit 45,29 Punkten als empathischer empfunden wurden als die Ärzte. Offensichtlich spielt für Patienten in Deutschland auch der Zeitdruck in den Praxen eine entscheidende Rolle, wie gut die Empathie des Arztes eingeschätzt wird. So wurden Ärzte, die sich ausgiebiger mit ihren Patienten beschäftigen, beispielsweise bei Anamnese für die traditionelle chinesische Medizin, mit 42,98 Punkten überdurchschnittlich gut bewertet. Es fällt auf, dass Ärzten offensichtlich im Laufe ihrer Berufstätigkeit die Empathie mit ihren Patienten abhanden komme. In ihrem Fazit führen die Forscher diesen Effekt darauf zurück, dass hierzulande Mediziner heutzutage mehr als ein Viertel ihrer Arbeitszeit für Schreibtätigkeiten und Protokolle verwenden müssten. Dadurch bliebe der persönliche Kontakt zu Patienten auf der Strecke - bei älteren Ärzten, die mit der modernen Dokumentationstechnik weniger vertraut sind als jüngere, wird dieser Effekt besonders spürbar.

Quellen:

Howick, J. et al. (2017): How empathic is your healthcare practitioner? A systematic review and meta-analysis of patient surveys. BMC Medical Education, online veröffentlicht 21.08. 2017. DOI: 0.1186/s12909-017-0967-3

Erstellt am 5. April 2018
Zuletzt aktualisiert am 5. April 2018

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