Es kribbelt auch angenehm, wenn man weiß, dass Roboter streicheln

Musik weckt Sensibilität für Zärtlichkeiten

von Holger Westermann

Angenehm anregend, sogar sinnlich stimulierend wirkt die wiederholte zarte Berührung der Haut. Kuschelmusik unterstützt diesen Effekt - nicht nur in romantischer Zweisamkeit, sondern sogar unter kühlen experimentellen Laborbedingungen.

Musik ist eine anthropologische Konstante, bislang ist keine Kultur ohne Gesang und rhythmisch-melodische Geräuscherzeugung bekannt. Andererseits scheint diese Technik bei nichtmenschlichen Primaten unbekannt. Musik ist ein typisch menschliches Phänomen, das Gruppen harmonisiert (singen, tanzen, marschieren) und Bewegungen taktet (Arbeitsgesang, Paartanz) aber auch Stimmungen stimuliert (Konzert, Singspiel, Popmusik, Barmusik, Kaufhausmusik). Musik kann Menschen zu Zärtlichkeit und Intimität inspirieren.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig (Sachsen, Deutschland) interessieren sich für die konkrete Wirkung von Musik auf Körper und Gemüt. Da der individuelle Geschmack eine weit divergierende Bewertung einzelner Musikstücke bewirkt, sollten die Probanden des Experiments die einzelnen Melodien auf einer 5-stufigen Lickertskala zwischen „überhaupt nicht sexy“ bis „extrem sexy“ einordnen. Derweil wurde ihr Unterarm gestreichelt, den ein Vorhang verdeckte. So sollte sicher gestellt werden, dass kein direkter Kontakt zum Verursacher der Zärtlichkeit die Beurteilung beeinflussen konnte.

Je mehr „sexy“ die Musik eingeschätzt wurde, um so erregender wirkte die taktile Zärtlichkeit. „Musik scheint unsere Wahrnehmung von mechanischen Berührungsreizen zu verändern“, konstatieren die Forscher. Solch sinnliche Stimulation regt die Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin an, das negativen Stress reduziert (durchaus aber positiven Stress provozieren kann). Wer Zärtlichkeit spürt, fühlt sich emotional geborgen. Streicheln auf der Haut signalisiert soziale Sicherheit. Denn solche Situationen setzen eine weitgehend konfliktfreie Umgebung voraus - sei es durch friedfertige Nachbarschaft oder zurückgezogene Zweisamkeit.

Der Effekt war auch dann noch wirksam, wenn die Probanden darüber aufgeklärt wurden, dass sie ein Pinsel-Roboter streichelt. Die Forscher hatten sich für dieses standardisierte  Verfahren entschieden, damit die Qualität der Zärtlichkeit aller Versuchsdurchführungen bei allen Probenden vergleichbar ist. Das automatisierte Streicheln schloss soziale Einflüsse aus und reduzierte die Wechselwirkung zwischen Musik und zarte sexuelle Stimulans auf die konkreten Sinneseindrücke von Ohr und Haut. Die Forscher sprechen von Transfereffekten, durch die Musik und deren subjektiven Bewertung die Berührungswahrnehmung verändert. Ein ähnlicher Effekt ist bei der Wahrnehmung von Farben bereits bekannt: Je lauter Musik abgespielt wird, um so eher werden reine (nicht pastell) und leuchtende Farben ausgewählt.

In ihrem Fazit verweisen die Forscher darauf, dass die emotionale Bewertung von Musik und Berührung (und auch Farben) der selben Dynamik folgt. Dementsprechend würden für die genauere Verarbeitung von Musik die selben Bereiche im Gehirn genutzt, wie für Berührung als auch Bewegung. Auf der anderen Seite betonen sie die Rolle der Musik für das Zusammenleben von Menschen, in der Gruppe oder größeren Kulturgemeinschaft als auch in Paarbeziehungen. Musik sei eben nicht ein besonders hübsches Nebenprodukt der Sprache, sondern ein Motor der Entwicklung typisch menschlicher Eigenschaften: „Unsere Ergebnisse verdeutlichen auch, welche evolutionäre Bedeutung Musik als soziale Technologie hat“.

Quellen:

Fritz, T.H. et al. (2017): Blame it on the bossa nova: Transfer of perceived sexiness from music to touch. Journal of Experimental Psychology 146 (9):1360-1365. DOI: 10.1037/xge0000329.

Erstellt am 17. Januar 2018
Zuletzt aktualisiert am 17. Januar 2018

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