Neurofeedback-Training ist ebenfalls wirksam aber teuer

Verhaltenstherapie hilft erwachsenen Menschen mit ADHS

von Holger Westermann

Ständige innere Unruhe und Konzentrationsschwäche plagt nicht nur Schulkinder, sondern auch Erwachsene. In Ausbildung und Beruf wird fokussiertes Arbeiten gefordert - für Betroffene oft eine übermächtige Herausforderung. Die übermäßige Spontanität zu regulieren ist Ziel vielfältiger Therapien. Ein Vergleich zwischen Placebo-Behandlung, Neurofeedback-Training und Verhaltenstherapie optiert klar zugunsten der etablierten Psychotherapie.

Rund 60% der Menschen, bei denen im Kindesalter eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wurde, leiden auch als Erwachsene darunter. Innere Unruhe, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme und spontane Motivationswechsel sowie eine geringe Stresstoleranz belasten Sozialkontakte und Berufsleben. Für Erwachsene besonders belastend ist geringe Zuverlässigkeit, die mangelhafte Fähigkeit Beruf und Alltag zu organisieren. Medikamente können helfen, doch aufgrund der Nebenwirkungen ist eine lebenslange Therapie bei den Patienten unbeliebt. Die dämpfenden Effekte auf Wahrnehmung und Gemüt werden vielfach als pharmazeutische Wesensveränderung abgelehnt. Infolgedessen sind unter erwachsenen ADHS-Patienten psychologische Interventionen populär, die im Kindesalter nicht so zuverlässig gelingen.

Auf den ersten Blick profitieren Menschen mit ADHS von einem verhaltenstherapeutischen Gruppentraining wie auch von einem Neurofeedback-Training. Die Symptome schwinden und die Kompetenz der Patienten sie in den Griff zu bekommen steigt. In einem experimentellen Vergleich der Therapieoptionen wurden nun Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der psychologischen Interventionen überprüft. Insbesondere das Neurofeedback-Training steht im Verdacht vorrangig Placebo-Effekte zu nutzen. Wer sich auf den eigenen Körper konzentriert, empfindet auch sein sonstiges Tun als fokussierter - selbst wenn das gar nicht der Fall ist.

Neurofeedback beruht auf dem Prinzip des „Lernen am Erfolg“ oder „Lernen durch Belohnung und Bestrafung“. Was einem guttut wird wiederholt, Auslöser negativer Empfindungen werden gemieden. Dabei ist es nicht notwendig die zugrundeliegenden Zusammehänge zwischen Auslöser und den positiven oder negativen Effekten zu kontrollieren, unbewusstes Lernen genügt (operante Konditionierung). Dazu werden die persönlichen Hirnströme (Elektroencephalogramm, EEG) von einem Computer ohne Zeitverzögerung in eine Animation am Bildschirm oder am Lautsprecher umgewandelt. Die Veränderung der Hirnströme kann so beispielsweise ein einfaches Computerspiel steuern oder Tonfolgen modulieren - je nachdem ob im EEG gerade vorrangig Alpha, Beta, Delta, Theta oder Gamma-Wellen registriert werden.

Im Vergleich zu gesunden zeigen Menschen mit ADHS einen höheren Anteil an langsamen Theta-Wellen, die gemeinhin einen Entspannungszustand charakterisieren. Dagegen sind die schnelleren Beta-Wellen schwächer rund treten seltener auf. Ziel des Neurofeedback-Trainings ist, diese Verteilung spielerisch lernend zu verändern und der von gesunden Menschen anzunähern.

Für ein 15-Wochen-Experiment wurden 118 Erwachsene (18 bis 66 Jahre alt) mit diagnostiziertem ADHS in drei Gruppen geteilt. Eine (38 Probanden) übte in 30 Sitzungen Neurofeedback; die zweite (39) erlebte in den ersten 15 Sitzungen lediglich ein Placebo-Training (die zugrundeliegende EEG-Grundlage stammte von anderen Personen) und in den verbleibenden 15 Sitzungen echtes Neurofeedback; die dritte (41) besuchte über 12 Wochen insgesamt in 12 Sitzungen verhaltenstherapeutische Gruppentherapie. Für die Auswertung wurde durch Patienteninterviews die Veränderung typischer ADHS-Symptome erfasst, die Konzentrationsfähigkeit wurde in standardisierten Tests gemessen. Über den gesamten Versuchszeitraum und bis zu einem halben Jahr danach wurde zu vier Messzeitpunkten die Muster der EEG-Hirnströme aufgezeichnet.

Dabei zeigte sich, dass durch echtes Neurofeedback-Training keine besseren Ergebnisse erzielt wurden als durch das (fehlleitende) Placebo-Training. Doch war der Effekt in beiden Gruppen nicht gleich schlecht, sondern gleich gut. Der Therapieerfolg wurde offensichtlich durch eine Wirkung ausgelöst, die Placebo und Neurofeedback gleichermaßen provozieren - beispielsweise Achtsamkeit. Auch die Verhaltenstherapie erreichte vergleichbar gute Ergebnisse. Eine differenzierte Betrachtung des Therapieerfolgs war bei der geringen Probandenzahl und den marginalen Unterschieden nicht möglich.

Dennoch optieren die Forscher in ihrem Fazit für die Verhaltenstherapie, denn sie erwies sich letztendlich als effizienter: "Und dies bei wesentlich geringerem Aufwand der Methode. Unter anderem braucht es weniger Sitzungen, statt Einzeltraining ist ein Gruppentraining möglich und es entstehen keine Zusatzkosten durch Anschaffung und Unterhaltung der technischen Voraussetzungen." So sei es möglich einer größeren Zahl von Patienten eine erfolgversprechend Behandlung anzubieten. Nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen fordern sie: „Bevor andere Methoden für die Therapie empfohlen werden können, müssen diese erst ihre Überlegenheit gegenüber verhaltenstherapeutischen Standardmethoden unter Beweis stellen."

Quellen:

Schönenberg, M. et al. (2017): Neurofeedback, sham neurofeedback, and cognitive-behavioural group therapy in adults with attention-deficit hyperactivity disorder: a triple-blind, randomised, controlled trial. The Lancet Psychiatry, online veröffentlicht 09.08. 2017.DOI: 10.1016/S2215-0366(17)30291-2.

Erstellt am 23. August 2017
Zuletzt aktualisiert am 24. August 2017

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