Schlafqualität triggert Schmerzsensibilität und psychische Belastung

Schlechter Schlaf verstärkt Arthroseschmerz und Depression

von Holger Westermann

Eine kleine aber methodisch hochwertige Studie erkennt einen kausalen Zusammenhang zwischen objektiver Schlafstörung und Schmerzsensibilität. Die Forscher postulieren einen engen Zusammenhang zwischen der Schlafqualität und dem Leidensdruck aufgrund der Arthrose. Ein zweite Studie erkennt zudem Wechselwirkungen zwischen Schlaf, Arthrose und der Neigung zu Depression.

Die Fall-Kontroll-Studie der Johns Hopkins Universität Baltimore (Maryland, USA) umfasste 208 Teilnehmer (72% Frauen), die in vier Gruppen eingeteilt wurden: Arthrose-Patienten mit gestörtem Schlaf, Arthrose-Patienten mit ungestörtem Schlaf, gelenkgesunde schmerzfreie Kontrollpersonen mit gestörtem Schlaf sowie Kontrollpersonen mit normalem Schlaf. Untersucht wurde die Schlafqualität, psychische Belastung aufgrund der Erkrankung (Katastrophisieren), subjektives Schmerzempfinden und die objektive Schmerzsensibilität (sensorischer Test).

Die Ergebnisse zeigen, dass die Patienten mit Kniearthrose und Schlaflosigkeit die größte Schmerzsensibilität zeigten (im Vergleich zu den Kontollgruppen). Schlafstörungen gingen auch mit einen besonders hohen Maß an Schmerzempfinden und damit hohem Leidensdruck einher. Studienleiterin Claudia M. Campbell betont in ihrem Fazit: „Obwohl aus der Studie keine kausalen Beziehungen abgeleitet werden können, lässt sich festhalten, dass Personen mit niedriger Schlafqualität und einer Neigung zur Katastrophisierung die größte Schmerzsensibilität entwickeln. Das Verständnis der komplizierten Beziehung zwischen Schlaf, zentraler Sensibilisierung und Katastrophisieren hat wichtige klinische Implikationen für die Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzzuständen, wie beispielsweise bei Knie-Arthrose."

Noch im März dieses Jahr wurde durch eine Arbeitsgruppe am Center for Mental Health and Aging der University of Alabama (Tuscaloosa, Alabama, USA) ein direkter Zusammenhang zwischen Schlafqualität und Arthroseschmerzen abgestritten. Vielmehr wurde hier von einer Kausalität in umgekehrter Richtung ausgegangen: Patienten mit schmerzhafter Kniearthrose litten demnach mit größerer Wahrscheinlichkeit unter gestörtem Schlaf, sowie auch unter Depressionen und hoher Schmerzsensibilität. In diese Untersuchung wurden 367 Patienten mit Arthosediagnose zu Schlafstörungen, Funktionseinschränkungen aufgrund der Arthrose, Schmerzbelastung und Symptomen einer Depression befragt; 288 konnten ein Jahr später noch einmal befragt werden. Es zeigte sich, dass sich bei Patienten, die über starke Schmerzen klagten und gleichzeitig schlecht schliefen, während des Jahres zwischen den Befragungen nur die Depression verschlimmerte. Die Schlafstörungen hatten jedoch keinen nachhaltigen Einfluss auf die Schmerzintensität.

Hier wurde demnach ein enger Zusammenhang zwischen Schlafqualität und Depression festgestellt, nicht aber zwischen Schlafqualität und Schmerzbelastung. So ist es ein dringender Auftrag an die Forschung festzustellen, wie genau Arthrose, Schmerzsensibilität, Schlafstörungen und Depressionen in Wechselwirkung treten.

Bis dahin sollten Patienten genau beobachten, ob sich bei ihnen persönlich solche Verkettungen und Verstärkungen von Symptomen zeigen. In jedem Fall könnte Schlafhygiene helfen, das bewusste Vermeiden von Schlafstörungen oder von Angewohnheiten, die den Schlaf stören.
Prof. Dr. Patricia A. Parmelee rät dazu, auf schlechte Gewohnheiten zu verzichten und empfiehlt:

  • Körperliche Anstrengung während des Tages ist das beste Schlafmittel und reduziert die Neigung zur Depression; es kann auch Sport sein - muss aber nicht.
  • Vermeiden Sie koffeinhaltige Getränke und Alkohol in den Abendstunden.
  • Kein Computer, Tabelt oder Smartphone vor dem Zubettgehen. Das Starren auf den Bildschirm (blue light) hält wach und hindert am müde werden.
  • Wenn nacht Schmerzen plagen, verwenden Sie ein Heizkissen.

Die amerikanische National Sleep Foundation gibt weitere Tipps für eine bessere Schlafhygiene:

  • Vermeiden Sie umfangreiche und deftige (schwerverdauliche) Mahlzeiten vor dem Schlafengehen.
  • Genießen Sie den unmittelbaren Kontakt zum Tageslicht. Selbst bei dichter Bewölkung ist die Strahlungsintensität der Sonne noch größer als elektrische Beleuchtung. Die intensive Beleuchtung ist notwendig, um den hormonell gesteuerten Schlaf-Wach-Zyklus zuverlässig zu regulieren.
  • Gehen Sie immer zur selben Tageszeit zu Bett.
  • Versuchen Sie während der Woche einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus einzuhalten.

Eine gute Schlafhygiene ist ein erster Schritt zu besserem und erholsamem Schlaf, womöglich auch zu geringerer Schmerzsensibilität, weniger Katstrophisierung und einer schindenden Neigung zu depressiver Stimmung.

Quellen:

Campbell, C.M. et al. (2015): Sleep, pain catastrophizing and central sensitization in knee osteoarthritis patients with and without insomnia. Arthritis Care & Research, online veröffentlicht 04.06.2015. DOI: 10.1002/acr.22609

Parmelee, P.A. et al. (2015): Sleep Disturbance in Osteoarthritis: Linkages With Pain, Disability, and Depressive Symptoms. Arthritis Care & Research 67 (3): 358 - 365. DOI: 10.1002/acr.22459.

Erstellt am 25. August 2015
Zuletzt aktualisiert am 27. August 2015

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Frühlingspause Mitte Mai

Heuer (in diesem Jahr) wird der Frühling nicht durch den Kaltluftvorstoß während der Eisheiligen (vom 11. bis 15. Mai) unterbrochen, sondern durch einen kräftigen, über mehrere Tage stabilen Warmluftzustrom. Die Menschen in Mitteleuropa erleben eine vorzeitige Frühsommerepisode - und damit eine überraschende Herausforderung für ihre Gesundheit. weiterlesen...


Hunde senken Stress, denn sie mögen Menschen

Dem possierlichen Charme eines jungen Hundes kann sich kaum ein Mensch entziehen. Dem spontanen Impuls zu Knuddeln oder zumindest zu Streicheln mag man nicht widerstehen. Und die Mehrzahl der Hunde scheint diese Zuwendung zu genießen. Bei älteren Tieren ist dann eher die Rasse und deren Charakter relevant, ob man Körperkontakt anstrebt oder lieber auf Distanz achtet. weiterlesen...


Ein Bild des Partners lässt Schmerzen schwinden

Zärtlichkeit lindert Schmerzen. Dabei wird der geliebte Partner körperlich wahrgenommen, man ist der schützenden und tröstenden Gegenwart gewiss. Zudem wirkt das genau in diesem Moment ausgeschüttete Kuschelhormon Oxytocin als natürliches Analgetikum. Forscher der Justus Liebig Universität Gießen (Hessen) haben nun herausgefunden: Ein Bild vom Partner genügt, um das Schmerzempfinden zu reduzieren. weiterlesen...


Weniger Streß durch Nikotinverzicht

Wenn Raucher zur Zigarette greifen, bemühen sie oft das Argument, akuten Stress zu lindern. Sie erhoffen sich kurzfristig spürbare und langfristig wirksame Unterstützung bei der Bewältigung psychischer Belastungen. Doch die regelmäßige Intoxikation mit Nikotin verstärkt die Probleme; erst Abstinenz lässt sie (ver)schwinden.

  weiterlesen...


Produktive Müdigkeit im Home Office

Angestellte, die während der Corona-Pandemie von zu Hause aus arbeiten, schlafen länger und arbeiten effektiver. Diese Effizienz- und Leistungssteigerung gelingt nicht jedem, aber betrachtet man die Menschen im Home-Office insgesamt, bleibt das Ergebnis positiv. weiterlesen...


Placebos wirken auch wenn man es weiß

Auch wenn Patienten wissen, dass die eingenommenen Medikamente keinen pharmakologischen Wirkstoff enthalten, spüren sie eine Linderung ihrer Symptome. Das ergab eine Übersichtsarbeit in der die Ergebnisse von 13 klinische Studien mit insgesamt 834 Patienten zusammengefasst wurden. weiterlesen...