Wetter

Der Dürre folgt Dauerregen

von Holger Westermann

Typisch für den Sommer 2015 in Mitteleuropa sind Wetterextreme und die Rasanz der Wetterwechsel. Wochenlage Hitzewellen werden durch Gewitter und Kaltlufteinbrüche abgelöst, kurz darauf strömt wieder subtropische Heißluft heran. Die Hitze trocknet ganze Landstriche aus, Gewitterregen fluten kleine Areale und können lokale Überschwemmungen hervorrufen, in direkter Nachbarschaft bleibt es dagegen trocken. Manchmal befeuchtet weiträumiger Dauerregen das ausgedörrte Mitteleuropa - nicht ausdauernd aber mancherorts vorerst ausreichend.

Nach einem trockenen Frühjahr war auch die erste Hälfte des Sommers (bis Ende Juli) durch stabile Hochdruckwetterlagen mit viel Sonnenschein, Hitze und wenig Regen geprägt. So war es in weiten Teilen südlich von Main und Donau deutlich zu trocken. In den weiter nördlich gelegenen Landschaften erfrischten Kaltluftvorstöße atlantischer Tiefausläufer die Atmosphäre und brachten Regen mit sich.

Ende Juli stellte sich dann eine extreme Wetterlage ein. Ein kräftiges Hochdruckgebiet (Luftströmung im Uhrzeigersinn um das Druckzentrum) setzte sich über Osteuropa fest und weitete seinen Einfluss auf ganz Mitteleuropa aus. Mit der südlichen Strömung wurde heiße und trockene Saharaluft heran geführt. Mancherorts wurden Temperaturmaxima über 40°C gemessen, die gesundheitsrelevante gefühlte Temperatur lag noch deutlich darüber.

Das Hoch blockierte die West-Ost-Zugbahn der Tiefdruckgebiete, sodass keine Tiefausläufer mit Niederschlägen bis Mitteleuropa vordringen konnten. In der Meteorologie spricht man auch von einer Blockadelage. Solche Blockadelagen sind in der Regel sehr stabil, sodass diese Wetterlage von Ende Juli bis Mitte August über mehrere Wochen anhielt. In manchen Gebieten gab es über Wochen so gut wie keinen nennenswerten Niederschlag. Die trockenheiße Saharaluft saugte die Restfeuchte aus dem Boden, ohne dass sich die Luftfeuchte nennenswert erhöhte. Vielerorts trocknete die obere Bodenschicht aus, Landwirte und Gartenbesitzer klagten über Dürre, die mit Bewässerung kaum ausgeglichen werden konnte. Die Vegetation litt unter Trockenstress, beim Getreide führte das vielerorts zur Frühreife mit geringerem Korngewicht. Mancherorts begannen Bäume bereits Anfang August ihr Laub ab zu werfen, sodass die Wälder wie im Herbst aussahen.

In Österreich spricht man von einem „Wüstentag“, wenn die Temperatur über 35°C steigt. Heuer (in diese Jahr) ist die Zahl der Wüstentage in Wien (Österreich) extrem hoch, so viele gab es in den letzten 248 Jahren nicht (Beginn der regelmäßigen Messungen 1767). „Bis Ende der Woche (KW 33) erhöht sich in Wien die Zahl der Wüstentage auf 15, das sind mehr als in den letzten 10 Jahren zusammen“, erklärt Dr. Michael Staudinger, Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien. Solche Einzeltage mit Extremtemperatur markieren aber noch keine Hitzewelle, die Dürre nach sich zieht. Eine praktikable, auch auf ältere Daten anwendbare Klassifikation geht auf den tschechischen Meteorologen Jan Kysely zurück: „Eine Hitzewelle wird festgestellt, sobald an mindestens drei Tagen in Folge die Maximaltemperatur 30 °C überschreitet und hält so lange an, wie die mittlere Maximaltemperatur über die gesamte Periode über 30 °C bleibt und an keinem Tag eine Maximaltemperatur von 25 °C unterschritten wird.“ Jeden Tag so einer Hitzewelle bezeichnet man als Kysely-Tag. Mit bislang 38 Kysely-Hitzewellen-Tagen liegt das Jahr 2015 bereits auf Rang 2 der seit seit 1872 bestehenden Messgeschichte der Wetterstation Wien Hohe Warte. Platz 1 hält bislang das Jahrhundertsommer-Jahr 2003 mit insgesamt 44 Kysely-Tagen. Doch der Sommer 2015 ist noch nicht zu Ende, auch wenn er sich nun erst einmal eine kühlere Erholungspause gönnt.

Ein weit nach Mitteleuropa hineinreichender Kaltluftvorstoß beendete vorerst die Hitzeperiode. Hinter einer Kaltfront strömte mäßig warme Meeresluft heran. Gleichzeitig wurde die Saharaluft im Osten durch feuchtere Mittelmeerluft ersetzt. So brachte diese Kaltfront endlich den lang ersehnten Regen; teils mit schweren Gewittern mit heftigem Starkregen und Sturmböen.

Diese Regenfront entlang der Luftmassengrenze zog nicht wie üblich zügig von (Nord-) West nach Ost über Mitteleuropa hinweg, sondern wurde zwischen dem Osteuropahoch und einem nachrückende. Atlantikhoch eingekeilt und blieb nahezu stationär liegen. In einem Streifen von Sachsen bis zur Nordsee regnete es tagelang ohne Unterlass. Ein weiteres Niederschlagsgebiet konzentrierte sich auf Nordhessen und Nordrhein-Westfalen. Dort fiel in drei Tagen 60 bis 120 l/m2 Niederschlag, in ungünstigen Lagen (im Harz) auch knapp 160 l/m2. Vielerorts wurde in den wenigen Tagen mehr Regen registriert als im langjährigen Vergleich während des gesamten August. Dennoch kam es, abgesehen von lokalen Überflutungen kleinerer Bäche, zu keinem größeren Hochwasser.

Abseits der markanten Luftmassengrenze waren die Niederschläge deutlich geringer. Auch diesmal regnete es in der Region südlich von Main und Donau nur zaghaft. Die Niederschläge glichen mit lediglich 1 bis 15 l/m2 einem Tropfen auf den heißen Stein, ungeeignet die Dürre zu beenden.

Quellen:

Dipl.-Met. Christian Herold: Nach Dürre folgte Dauerregen. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 19.08.2015

Hitzewellen: 2015 eines der extremsten Jahre der Messgeschichte. Pressemitteilung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien, online veröffentlicht am 13.08.2015.

Erstellt am 20. August 2015
Zuletzt aktualisiert am 20. August 2015

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